Tödlicher Unfall bei Open Beatz

Riesenrad-Sturz: Gericht schickt Schausteller ins Gefängnis

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Jeanette Seitz..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Jeanette Seitz

Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt

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13.1.2022, 11:22 Uhr
Nun ist ein 63-jähriger Schausteller aus Worms verurteilt worden.

Nun ist ein 63-jähriger Schausteller aus Worms verurteilt worden. © EDUARD WEIGERT, NN

Bis zuletzt hüllt sich der Angeklagte in Schweigen. An keinem der insgesamt fünf Verhandlungstage am Erlanger Amtsgericht äußert sich der Wormser zu dem Vorfall.

Tatsache ist: Die Türen der Gondel des Riesenrades waren mangelhaft. Sie schlossen nicht richtig und konnten nach außen aufschwingen, was natürlich nicht sein darf. Die zentrale Frage, die sich dem Schöffengericht stellte, war nun die, wer dafür verantwortlich war bzw. wer sich um die Sicherheit des Riesenrades hätte kümmern müssen.

Tatsache ist auch: Das französische Riesenrad hatte keine Ausführungsgenehmigung und hätte überhaupt nicht aufgestellt werden dürfen. Eine Ausführungsgenehmigung nämlich ist nicht auf die Schnelle zu bekommen, eine Einzelabnahme durch den Tüv, wie hier geschehen, ist laut Gutachter gar nicht vorgesehen.

Mehrere Fehlverhalten

Der gerichtlich bestellte Sachverständigen-Gutachter spricht deshalb von einer "Verkettung unglücklicher Umstände" und einer "Aneinanderreihung von Fehlverhalten". Angefangen bei der fehlenden Ausführungsgenehmigung über den mangelhaften Prüfbericht des bereits verurteilten Ingenieurs vom Tüv Rheinland bis hin zur nicht erfolgten Gebrauchsabnahme durch das Landratsamt. "Wenn irgendjemand an einem Punkt richtig gehandelt hätte, wäre der Unfall nicht passiert", betont der Sachverständige. Und meint: "Alle in der Kette haben gewusst, dass das so nicht geht."

Oberstaatsanwalt Peter Adelhardt jedenfalls sieht den Tatvorwurf nach der Beweisaufnahme als bestätigt an. Seiner Ansicht nach sei der Angeklagte der Betreiber des Riesenrades gewesen, auch wenn er mit dem Aufstellen einen Kollegen aus Frankreich beauftragt habe, der sich wiederum ebenfalls ein Riesenrad leihen musste. "Aber der Angeklagte hat sich um alles gekümmert", so Adelhardt. Der Franzose sei nur ein "Erfüllungsgehilfe" gewesen.

Und somit sei der Wormser dafür verantwortlich gewesen, "dass beim Betrieb des Riesenrades keine über das normale Maß hinausgehende Gefahren auftreten". Er beantragt eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monate, ausgesetzt zur Bewährung, sowie 10.000 Euro Geldbuße.

Die Verteidiger Holger Zebisch und Ellen Engel plädieren für einen Freispruch. Der Staatsanwalt versuche, seinen Mandanten "in die Betreiberrolle zu drängen", meint Zebisch. Er sei aber nur Vermittler gewesen, weil der Veranstalter unbedingt ein Riesenrad haben wollte, der Angeklagte aber gerade keins zur Verfügung hatte. "Mein Mandant wollte nur helfen. Es war aber klar, dass der Franzose den Platz übernimmt." Deshalb habe sich der Angeklagte auch nicht weiter um Aufbau und Abnahme des Riesenrades gekümmert, lediglich den Einsatz des Tüv-Ingenieurs organisiert.

Bei letzterem sieht Zebisch ein klares Fehlverhalten, ebenso beim Landratsamt und auch beim Opfer selbst, das sich in der Gondel leichtsinnig verhalten habe. Der Kolumbianer soll laut Zeugenaussagen aufgestanden sein und in der Gondel getanzt haben, sich dann sogar absichtlich gegen die Tür geworfen haben. Das hatte den tödlichen Sturz zur Folge.

"Papier nicht wert"

Ein Mitverschulden des Opfers erkennen auch Richter Christian Kretschmar und die beiden Schöffen. Aber auch sie sehen, wie der Staatsanwalt, die vertragliche Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Veranstalter. Der Franzose sei quasi nur ein "Subunternehmer" gewesen. Wenn der Wormser wirklich nur ein Vermittler gewesen wäre, hätte es für ihn keinen Grund gegeben, beim Aufbau des Riesenrades vor Ort zu sein, so der Richter.

Und ihm als Profi müsse klar gewesen sein, dass der Tüv-Prüfbericht "das Papier nicht wert war", da der Bericht zu einem Zeitpunkt entstand, als das Riesenrad noch lange nicht fertig aufgebaut gewesen war - es hing noch keine einzige Gondel. Doch erst im vollständig aufgebauten Zustand hätte man die mangelhaften Gondel-Türen erkennen können. Das bestätigt der Gutachter. Der außerdem noch auf einen Speichenbruch am Riesenrad verweist, der auch optisch augenfällig war. "Sowas kann man nicht übersehen, das Riesenrad hatte gravierende Mängel."

Aber diese Mängel seien dem Angeklagten egal gewesen, er habe aus rein wirtschatlichem Interesse die Augen verschlossen. "Mit dem Tüv-Prüfbericht war die Sache für ihn erledigt, obwohl ihm als Profi klar war, dass das so nicht gehen kann", sagt Kretschmar. Immerhin bezahlte der Veranstalter dem Wormser 30.000 Euro für das Riesenrad, von denen dieser 22.500 an den Franzosen abgab; den Rest strich er ein.

Zwar hat der 63-Jährige bisher noch keine Vorstrafen. Dennoch verhängt das Gericht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten ohne Bewährung. Für eine Bewährung müssten neben einer günstigen Sozialprognose noch besondere Umstände vorliegen, die das rechtfertigen. Doch weil der Angeklagte kein Geständnis ablegt, keine Schuldeinsicht und Reue zeigt, sieht das Gericht solche Umstände nicht gegeben. Auch eine Entschuldigung bei der Familie des Opfers gab es wohl nicht

Der Franzose übrigens hätte ebenfalls auf der Anklagebank sitzen sollen, doch konnte die Vorladung dem Schausteller in Frankreich nicht zugestellt werden; sie liegt bei den französischen Behörden.

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