Freitag, 21.02.2020

|

zum Thema

Badminton: TSV Freystadt zieht Bundesligateam zurück

Teammanager Stephan Pistorius: Der Aufwand war finanziell und personell nicht mehr zu stemmen - 11.02.2020 19:00 Uhr

Kristin Kuuba, die dreifache estnische Meisterin von 2020 und Nummer 64 der Welt, gewann am Wochenende drei von vier Spielen. In der Bundesliga-Spielstatistik rangiert sie bei den Damen mit 16 Siegen auf dem zweiten Platz. Am 23. Februar wird sie sich von ihren Freystädter Fans verabschieden. © Foto: Marcus Mehlich


Herr Pistorius, die Saison biegt auf die Zielgerade, die Mannschaft kämpft gegen den Abstieg und hat sich am Wochenende mächtig reingehängt (siehe Spielbericht links) – und nun dieser Paukenschlag.

Auch letztes Jahr standen wir vor einer ähnlichen Situation und haben uns damals entschieden weiterzumachen. Wir haben es uns jetzt bei dieser Entscheidung nicht leicht gemacht, sehen aber keine Alternative. Wir hatten vom Deutschen Badminton Ligaverband eine Fristverlängerung bezüglich des Meldeschlusses für die Saison 20/21 erhalten, die am Sonntagabend abgelaufen ist. Wir wollten den Spieltag noch abwarten und haben dann im Anschluss an das Spiel dem Ligaverband unsere Absage mitgeteilt.

 

Wie haben Ihre Spieler die Nachricht aufgenommen?

Sie waren alle geschockt und natürlich auch traurig, als wir es ihnen am Montag mitgeteilt haben. Gerade unsere internationalen Spieler, die die familiäre Atmosphäre in Freystadt so schätzen. Denn hier kümmern wir uns noch persönlich um die Leute und stecken sie nicht übers Spiel-Wochenende einfach in ein Hotel.

 

Vor 24 Jahren kam Stephan Pistorius aus dem Saarland nach Freystadt und stieß dort zur 1995 gegründeten Badminton-Abteilung des TSV. Dank zahlreicher junger Talente, an der Spitze sein Sohn Johannes Pistorius, stieg die erste Mannschaft binnen fünf Jahren von der Bezirksklasse bis in die 2. Bundesliga auf. Seit 2015 spielt sie in der 1. Bundesliga. © Foto: Marcus Mehlich


Derzeit steht Freystadt zwar auf dem Abstiegsrelegationsplatz, die Aussichten auf einen sportlichen Klassenerhalt sind aber noch gut.

Mit Blick auf die Tabelle und mögliche Relegationsgegner hätten wir es sportlich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit geschafft, die 1. Liga zu halten. Daher ist der Rückzug für uns wirklich bitter.

 

Was sind die Hauptgründe? Vermutlich die Finanzierung, oder?

Trotz steigender Zuschauerzahlen, einer tollen Begeisterung in Freystadt und im Großraum Nürnberg/Erlangen/Ingolstadt/Regensburg, haben wir es nicht geschafft, einen Hauptsponsor beziehungsweise weitere größere Sponsoren zu gewinnen, um unseren Kader zu halten oder noch zu vergrößern. Es hat sich in dieser Saison gezeigt, dass wir einfach über zu wenig bundesligareife Spieler verfügen. So mussten wir zum Beispiel beim letzten Auswärtsspiel gegen Refrath mangels Spieler zwei reine Doppelspieler ins Einzel stellen. Bei einigen Spielen haben wir unsere Oberligaspieler eingesetzt, was unsere Nachwuchsspielern sicherlich motiviert hat, aber eine Dauerlösung ist das nicht. Jugendliche in der 1. Bundesliga zu verheizen, ist keine Lösung.

 

Wären die Top-Spieler des TSV Freystadt wie beispielsweise eine Kristin Kuuba denn eine weitere Saison geblieben?

Unsere Leistungsträger sind heiß umworben, sie würden aber auch sehr gern bleiben. Da es aber oft ihre einzige Einnahmequelle ist und sie die hohen Kosten für ihre weltweiten Turnierteilnahmen selbst tragen müssen, müssen wir akzeptieren, dass sie den Verein verlassen werden, wenn wir sie nicht adäquat fördern können. Wir sind aktuell einfach nicht in der Lage, was zu versprechen, was wir nicht halten können. Ein Risiko einzugehen oder sogar Schulden zu machen, kommt für uns nicht in Frage. Also verabschieden wir uns lieber erhobenen Hauptes aus der Bundesliga.

 

Der Hauptverein hat natürlich auch nicht die Mittel, um der Bundesligamannschaft unter die Arme zu greifen.

Bei einer nüchternen Betrachtung müssen wir einfach akzeptieren, dass der TSV Freystadt zu klein ist, um eine Bundesligamannschaft finanziell und personell zu unterstützen. Die Aussicht, in Zukunft einen Hauptsponsor zu finden, ist sehr theoretisch. Aufgrund unseres Standorts – weit weg von den Stützpunkten der Nationalmannschaft in Mülheim und Saarbrücken – und den finanziellen Möglichkeiten, ist es uns bisher nicht gelungen, bayerische oder deutsche Spieler für unser Team zu gewinnen.

 

Dann hätte der TSV auf teure Spieler aus dem Ausland verzichten können.

Mit unseren ausländischen Spielern haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, aber der Logistikaufwand bei steigenden Reisekosten ist eine Herausforderung, die immer schwieriger wird. Wir sind überzeugt, dass wir es sportlich geschafft hätten, in der 1. Bundesliga zu bleiben, aber bei diesen Rahmenbedingungen macht es wenig Sinn. Die Voraussetzungen auf eine positive Weiterentwicklung des Freystädter Bundesliga-Engagement sind nicht gegeben. Wir haben bis zuletzt tolle Spiele abgeliefert, gute Werbung für unseren Sport, für Freystadt und die Region gemacht, daher ist es wahrscheinlich der richtige Augenblick abzutreten.

 

Wie bewerten Sie als Freystadts "Mr. Badminton" persönlich die letzten Jahre?

Wir waren mit unseren Eigengewächsen zweimal deutscher Schülermannschaftsmeister und einmal deutscher Jugendmannschaftsmeister. Dass diese Spieler einmal das Potenzial haben, hochklassig zu spielen, war jedem klar. Aber mit der Entwicklung, hoch bis zur 1. Bundesliga, damit hat damals keiner gerechnet – und das war auch nie der Plan. Ich erinnere mich gern an den Durchmarsch von der Bezirksliga bis zur 2. Bundesliga. Auch die sieben Bundesligajahre, davon vier in der ersten Liga, werde ich sehr positiv in Erinnerung behalten. Es war einfach toll, gegen viele Spitzenmannschaften spielen zu können und Topspieler, Olympiateilnehmer, Medaillengewinner in Freystadt begrüßen zu dürfen. Wir waren auch immer sehr stolz auf unsere Spieler, egal aus welchem Land sie kamen, der Großteil hat sich mit unserem Verein voll identifiziert.

 

Die Mitglieder der Abteilung und insbesondere die Familie Pistorius haben über die Jahre hinweg mit hohem Engagement und viel Eigenleistung in Freystadt ein kleines Sportwunder vollbracht.

Meine Frau und ich waren mit Ausnahme eines Spiels bei allen Heim- und Auswärtsspielen in den letzten acht Jahren dabei. Wer uns kennt, weiß, dass diese Entscheidung besonders uns sehr schwer gefallen ist und wie viele Emotionen daran hängen. Wir haben uns die letzten Wochen viele Gedanken gemacht und haben jetzt für uns einen Schlussstrich gezogen.

 

Und wie geht es jetzt weiter?

Die Badmintonabteilung feiert dieses Jahr das 25-jährige Jubiläum, ich selbst bin 24 Jahre Abteilungsleiter, und ich hoffe und bin überzeugt, dass es mit Badminton in Freystadt weitergeht. Wir haben einige sehr talentierte Nachwuchsspieler.

 

Und was die erste Mannschaft betrifft?

Beim letzten Heimspiel gegen Wipperfeld wollen wir mit dem kompletten Team antreten (unabhängig wie hoch die Reisekosten sind), um uns von unseren Fans und Helfern richtig zu verabschieden. Dann wollen wir noch einmal die tolle Stimmung in der Mehrzweckhalle genießen, immerhin haben wir in Freystadt mit die meisten Zuschauer in der Bundesliga. In der kommenden Saison könnten wir in die Regionalliga, sozusagen der dritten Liga, antreten. Größtenteils dann mit unserer zweiten Mannschaft, die aktuell Tabellenzweiter in der Oberliga ist. Aber das hängt auch davon ab, ob wir überhaupt Spieler aus der Bundesligamannschaft halten können.

 

INTERVIEW: NICOLAS DAMM

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Freystadt