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Klimaforscher: "Wir sehen den Klimawandel an jedem einzelnen Tag"

Sebatian Sippel spricht über Erderwärmung, Wetter und CO2-Fasten - 26.03.2020 06:04 Uhr

Die Hitzetage werden durch den Klimawandel zunehmen: Vergangenes Jahr im August gossen Bürger und Schüler Bäume im Archivpark am Friedrich-Eberth-Platz in Nürnberg.

25.03.2020 © Stefan Hippel


Herr Sippel, Klimawandel oder Klimakrise: Welches Wort ist passender?

Sebastian Sippel: Aus physikalischer Sicht eher Klimawandel, weil sich das Klima graduell verändert und nicht sehr plötzlich etwas passiert. Global sehen wir einen positiven Temperaturtrend: Die Welt wird wärmer. Natürlich kann das in der Zukunft und auch schon jetzt zu massiven Problemen führen, aber dennoch würde ich aus physikalischer Sicht eher von Wandel sprechen.

Wie muss sich eine Stadt wie Nürnberg rüsten, um lebenswert zu bleiben?

Sippel: Wir erwarten, dass die Hitzetage zunehmen und das kann problematisch werden. Ich bin kein Experte, was Stadtplanung angeht, aber ich denke, es ist wichtig, die innerstädtischen Grünanlagen zu erhalten. Sie wirken wie eine Kaltluftzufuhr. Zudem muss man die Bevölkerung auf solche Hitzetage vorbereiten, damit zum Beispiel ältere Menschen genügend trinken.

Sebastian Sippel ist 32 Jahre alt und lebte bis zu seinem 19. Lebensjahr in Nürnberg Zabo. Danach studierte er Geoökologie und Umweltnaturwissenschaften an der Universität in Bayreuth, für den Master wechselte er für ein Jahr an die Universität nach Oxford. Promoviert hat Sippel im Bereich Biogeochemie und Klimaforschung. Seit zwei Jahren arbeitet er an der Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich.

19.03.2020 © privat


Sie kennen Nürnberg, wo würden Sie da konkret ansetzen?

Sippel: Wie gesagt, die Grünanlagen muss man erhalten und pflegen. Ich mag den Reichswald recht gerne. Die Böden sind aber ziemlich sandig, und der Wald hat in den vergangenen beiden Hitzesommern extrem unter der Trockenheit gelitten, weshalb die Aufgabe vermutlich nicht einfach ist. Deshalb braucht es ein gutes Management des Waldes mit Bäumen, die wenig anfällig für Hitze und Dürre sind. Genauso verhält es sich natürlich mit Parkanlagen.

Viele Menschen würfeln Wetter und Klima durcheinander. Erklären Sie es kurz: Wo liegt der Unterschied?

Sippel: Klima ist das, was über 30, 50 Jahre passiert und Wetter ist das, was Sie sehen, wenn Sie aus dem Fenster blicken. Jeder Winter kann kalte und warme Tage haben – das hat mit dem Klimawandel überhaupt nichts zu tun. Die heißen Tage werden wahrscheinlich zunehmen, aber trotzdem werden Sie in Nürnberg noch kalte Tage haben. Das widerspricht sich überhaupt nicht. Es ist derzeit nicht so, dass man den Klimawandel an einem Ort die ganze Zeit sieht, denn das Wetter ist sehr variabel.

Auf lokaler Ebene sehen wir den Klimawandel also nicht täglich. Aber wenn man das Wetter auf der ganzen Welt betrachtet, zeigt sich, dass die Erderwärmung seit dem Frühjahr 2012 täglich zu spüren ist. Das haben Sie in Ihrer Studie nachgewiesen. Wie sind Sie zu der Erkenntnis gekommen?

Sippel: Man kann sich das wie einen globalen Durchschnitt des Wetters an einem Tag vorstellen. Und anhand dieser Berechnungen sieht man, dass die globale Durchschnittstemperatur seit 2012 an jedem Tag wärmer ist als ohne den Klimawandel. Dieses Signal hat unsere Studie sichtbar gemacht. Zwar wissen wir schon seit 20 Jahren vom Klimawandel, aber jetzt ist der Trend so stark, dass wir ihn an jedem einzelnen Tag sehen können. Andere Studien beschäftigen sich damit, das Signal zu deuten. Aber natürlich wissen wir im Wesentlichen, dass im Langzeittrend der Mensch verantwortlich ist und nicht natürliche Faktoren. Fakt ist: Die Treibhausgase sind hauptverantwortlich für den Klimawandel.

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Was kann der einzelne Mensch aus Ihrer Studie für sich mitnehmen?

Sippel: Für den einzelnen Menschen, der in Nürnberg lebt, hat das nicht sofort eine zentrale Bedeutung, weil wir ja das globale Wetter angeschaut haben. Aber ich glaube, dass die Ergebnisse die Denkweise ändern können. Die meisten Leute, auch Wissenschaftler, denken, der Klimawandel ist ein Langzeittrend über mehrere Jahrzehnte, der sich nicht individuell auf einen Tag auswirkt. Und unsere Studie zeigt: Man kann den Klimawandel auch anders betrachten, als etwas, das man jeden Tag sieht. Das Klimawandelsignal ist nicht plötzlich da, wenn es heiß ist und wieder plötzlich weg, wenn es kalt ist. Über den ganzen Globus gesehen, ist das Signal immer da.

Im Pariser Abkommen hat sich die Weltgemeinschaft auf ein 1,5 Grad-Ziel verständigt beziehungsweise will die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen. Schaffen wir das?

Sippel: Wenn wir wirklich die 1,5 Grad nicht überschreiten wollten, dann hätten wir nicht mehr viel Zeit und müssten radikalere Maßnahmen ergreifen, weil wir schon relativ viel Kohlenstoff emittiert haben. Grob gesprochen müssten wir bis zur Mitte des Jahrhunderts global auf null Emissionen herunterkommen. Und das ist natürlich ein sehr ambitioniertes politisches Ziel und nicht einfach zu realisieren. Die vorindustrielle CO2-Konzentration lag etwa bei 280 ppm und jetzt sind wir bei 410 ppm (Anmerkung der Redaktion: 410 parts per million bedeutet, dass von einer Million Luftmoleküle rund 410 Kohlendioxid sind).

Das bedeutet also, dass wir auf einen weiteren CO2-Anstieg hinsteuern. Wie würde sich dieser auswirken?

Sippel: Aus physikalischer Sicht ist die zentrale Frage, inwieweit sich dann das Klima erwärmt. Das versuchen Wissenschaftler mithilfe von Klimamodellen herauszufinden. Allerdings gibt es da noch große Unsicherheiten. Langfristig gesehen, bewegen wir uns in einer Spanne von 1,5 bis 4,5 Grad bei einer Verdopplung von CO2. Das heißt, wenn wir Glück haben, fällt die Erderwärmung relativ niedrig aus und wir kriegen für eine Verdopplung von CO2 „nur“ eine Erwärmung von 2 Grad. Aber wenn wir Pech haben, bekommen wir für die Verdopplung 4,5 Grad. Es ist eher eine politische Frage, wie man die Unsicherheitsspanne bewertet.

Also sieht es bei der aktuellen Lage so aus, dass wir möglicherweise auf das Worstcase-Szenario zusteuern?

Sippel: Letztes Jahr war das erste Jahr, in dem sich die Emissionskurve zum ersten Mal abgeflacht hat. Das heißt, ein bisschen Veränderung ist schon erkennbar. Wir scheinen nicht mehr ganz so weiterzumachen wie vor zehn oder 20 Jahren. Daher würde ich nicht alles nur schlecht malen. Natürlich müssen die Emissionen runter, aber trotzdem gibt es auch positive Zeichen. Viele Wissenschaftler dachten, wir steuern auf das Worstcase-Szenario zu, aber jetzt zeigt eine aktuelle Debatte erstmals, dass das gar nicht mehr so eindeutig ist. Wir sind nicht mehr auf dem Weg des schlechtesten, sondern nur auf dem eines mittleren Szenarios.

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Aber trotzdem tritt die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aus und Deutschland verfehlt seine Klimaziele für 2020 deutlich. Hat die Politik versagt?

Sippel: Es schaut nicht danach aus, als ob die Politik ihre eigenen Zusagen, die sie zum 1,5-Grad-Ziel gemacht hat, noch einhalten könnte. Sie hat also dahingehend versagt, ihre eigenen Zusagen einzuhalten. Aber gleichzeitig hat die Politik nicht nur Klimaziele zu erfüllen, sondern auch viele andere Fragen zu lösen, wie die Gerechtigkeit zwischen Schwellen- und Industrieländern oder zwischen Generationen. Pauschal würde ich nicht sagen, die Politik hat versagt. Aber sie hat auf jeden Fall nicht genug getan, um die Klimaziele zu erreichen.

Wie stark belasten Sie als Experten die Zukunftsszenarien?

Sippel: Ich sehe, dass politisch absolut Handlungsbedarf besteht, aber gleichzeitig ist das für mich einfach ein Forschungsgebiet. Als Wissenschaftler versuche ich Klimamodelle möglichst gut zu analysieren, sinnvolle Fakten daraus zu extrahieren und diese über wissenschaftliche Publikationen zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht Teil meiner Aufgabe, politische Ziele zu verfolgen. Insofern ist es nichts, was mich persönlich sehr belastet. Wahrscheinlich nicht mehr als andere Menschen.

Herr Sippel, es gibt Skeptiker, die leugnen die menschengemachte Erderwärmung. Hatten Sie solche Begegnungen schon und wie haben Sie reagiert?

Sippel: Nein, nicht im echten Leben sozusagen. Grundsätzlich ist Skepsis immer eine gute Idee. Auch Wissenschaftler müssen skeptisch sein und Dinge hinterfragen. Problematisch wird es, wenn wirklich jemand daran zweifelt, ob es den Klimawandel gibt. Die einzige ernsthafte Frage, die in der Wissenschaft noch diskutiert wird, ist die Frage über die Unsicherheitsspanne.

Ich bin keine Wissenschaftlerin und mein Nachbar auch nicht. Welchen Rat haben Sie, wenn wir auf solche „Klimaskeptiker“ treffen?

Sippel: Am besten entkräftet man die Argumente von „Klimaskeptikern“ mit wissenschaftlichen Fakten. Ich glaube, das ist eine sehr gute Art und Weise, so eine Diskussion zu führen. Natürlich hat jeder Mensch das Recht, Fragen zu stellen. Ich will überhaupt nicht, dass der Eindruck entsteht, dass kritische Fragen schlecht sind. Aber wenn jemand nicht an der Diskussion, an den Fakten interessiert ist, dann wird es schwierig, noch an den Menschen heranzukommen. Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf ist da zum Beispiel sehr engagiert (Anmerkung der Redaktion: www.realclimate.org, Autor bei „SciLogs – Tagebücher der Wissenschaft“).

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Gerade ist Fastenzeit und neben Süßigkeiten fasten manche Menschen auch Klima. Bringen solche einzelnen Aktionen was, oder ist das nur Futter für diejenigen, die sagen: „Nur weil ich weniger Auto fahre, ändert sich nichts“?

Sippel: Ich denke, es ist auf jeden Fall gut, sich zu überlegen, wie man im Alltag nachhaltiger leben kann. Und wenn man über so eine Fastenaktion vielleicht mehr Leute dazu bringt, Müll zu reduzieren, das Auto öfter stehen zu lassen oder sich zu fragen, ob der Urlaub in die Karibik sein muss, finde ich das eine lohnende Sache.

Fasten Sie CO2, oder tut Ihrer Meinung nach ein Klimaforscher durch seine Arbeit schon genug für die Umwelt?

Sippel: Ich persönlich faste nicht, aber ich habe zum Beispiel kein Auto. Ich versuche schon, im Alltag möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zu fahren. Auch die meisten meiner Kollegen achten darauf, möglichst nachhaltig zu leben, aber das tun viele andere Menschen auch. Es gibt viele Dinge, mit denen man was im Alltag bewirken kann, ohne sein Leben komplett aufs Klima auszurichten.

Viele Menschen stimmen zu, dass man etwas gegen die Klimaerwärmung tun muss. Aber sobald es sich tatsächlich auf deren persönlichen Alltag auswirkt, handeln viele nicht danach. Wie erklären Sie sich diese Doppelmoral?

Sippel: Ich beobachte das auch, aber ich finde es schwierig, dem einzelnen Menschen, der in seinem Alltag gestresst ist und viele Anforderungen mit Familie und Beruf und so weiter hat, hier einen Vorwurf zu machen. Diese Doppelmoral gibt es auch auf politischer Ebene und darüber sollte man mal nachdenken.

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Frage 3/13:

Tasse Kaffee verursacht...

© Jan Woitas, dpa

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Frage 4/13:

Ein Kilo Rindfleisch verursacht...

© Christin Klose, dpa-tmn

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Frage 5/13:

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© Peter Rees, NN

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Frage 6/13:

Eine Pizza Margherita verursacht...

© Armin Weigel, dpa

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Frage 7/13:

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© Jan Woitas, NN

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Frage 8/13:

Eine Portion Nudeln verursacht...

© Julian Stratenschulte, dpa

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Frage 9/13:

Ein Glas Apfelsaft (200 ml) verursacht...

© Ralf Rödel, NN

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Frage 10/13:

Eine Tüte Kartoffelchips verursacht...

© Thomas Scherer Honorarpflichtig, NN

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Frage 11/13:

Ein Liter Bier verursacht...

© e-arc-tmp_20190920-130300-001.jpg, NN

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Frage 12/13:

Eine Avocado verursacht...

© Jürgen Leykamm, NN

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Frage 13/13:

Ein Kilo Geflügel verursacht...

© Oliver Berg, dpa

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