Tatort Nürnberg: Großvater vergaste Enkel im Schlaf

Das "Original": NN-Redakteur Alexander Brock.
Alexander Brock

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10.2.2020, 05:58 Uhr
Die Nürnberger Judengasse im Jahre 1935: Hier in der Straße, die in der Sebalder Altstadt liegt, geschah am 2. Februar 1936 ein grausiger Doppelmord.

© Foto: Stadtarchiv Nürnberg Die Nürnberger Judengasse im Jahre 1935: Hier in der Straße, die in der Sebalder Altstadt liegt, geschah am 2. Februar 1936 ein grausiger Doppelmord.

Die Bomben alliierter Flugzeuge haben im Zweiten Weltkrieg nahezu alle Gebäude in der Sebalder Altstadt zerstört. Nur noch die Straßenführungen sind erhalten und deren Namen. Wie die Judengasse. Hier, im Haus mit der Nummer 20, geschah dreieinhalb Jahre vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen ein grausiger Doppelmord an zwei Kindern. Das Verbrechen hat im Februar und April 1936 für Schlagzeilen im Fränkischen Kurier gesorgt.

Georg Würr soll ein Tyrann gewesen sein. Jedenfalls haben das Familienangehörige vor Gericht ausgesagt. Der 51-Jährige war erwerbsunfähig, bekam eine Rente in Höhe von 102 Reichsmark. Immer wieder soll er in die Geldbörsen seiner beiden Töchter gegriffen haben, er war knapp bei Kasse. Ende 1935 fasste er wegen des Geldmangels einen grausigen Entschluss: Im Dezember schloss er für einen der beiden Enkel, den unehelichen Benno (sechs Jahre), eine Versicherung auf dessen Leben ab. Am 1. Januar 1936 trat sie in Kraft. 5000 Mark hätte er kassiert, wenn der Junge eines natürlichen Todes gestorben wäre, bei Unfalltod wären 10.000 Mark geflossen. Seiner Ehefrau und den Töchtern erzählte er nichts vom Versicherungsabschluss.

Vom Maskenball zum Tatort

Am Sonntag, 2. Februar 1936, ist es so weit. Um 18 Uhr werden die Kinder ins Bett gebracht, Georg Würr geht mit seinen Töchtern auf einen Maskenball in der Nürnberger Rosenau. Doch da bleibt er nicht lange. Gegen 20 Uhr verlässt er die Feier. Vor Gericht sagt später eine der Töchter aus, dass sie eine "dauernde Unruhe" verspürte. Er habe den Tanzsaal durch die "rückwärtige Türe" verlassen. Die Frauen vermuten, dass ihr Vater nach Hause geht, um ihnen
wieder Geld zu stehlen.

Der aber hat einen anderen, grausigen Plan. Würr öffnet die Wohnungstüre, schleicht ins Zimmer von Benno und seinem Bruder Winfried und vergewissert sich, dass beide schlafen. In der Küche reißt er den Gashahn am Herd heraus und präpariert die Gegenstände so, dass man den Eindruck haben könnte, die Kinder selbst hätten den Hahn entfernt. Dann kehrte der 51-Jährige zum Maskenball zurück. Während er sich dort vergnügte, starben die Kinder einen jämmerlichen Tod. Am 3. Februar nahm die Abteilung IV der Kriminalpolizei Nürnberg-Fürth die Ermittlungen auf. Bereits am 5. Februar klickten die Handschellen, Beamte nahmen Würr fest.

Beweise gegen Tatverdächtigen

Thomas Auburger erforscht seit mehr als zehn Jahren die Geschichte der mittelfränkischen Polizei während der NS-Zeit. Bei seinen Recherchen entdeckte er zufällig auch ein vollständiges Organigramm der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Nürnberg, das zwischen Akten im Staatsarchiv Nürnberg lag. Auch die Akte zum Fall Würr kam Auburger in die Finger.

Die Zeit in Deutschland, in der das Verbrechen an den Kindern in der Sebalder Altstadt geschah, ist selbst von Verbrechen an der Menschheit geprägt – ausgehend vom deutschen NS-Staat. So wurden nur wenige Monate vor dem Mord an den beiden


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Jungen, am 15. September 1935, die Nürnberger Gesetze erlassen. Sie waren die juristische Basis für die Nationalsozialisten und ihre antisemitische und rassistische Ideologie, die in den millionenfachen Mord an Juden mündete.

Im Fall Würr "sprachen die Beweise und Indizien klar gegen den Tatverdächtigen", sagt Experte Auburger. Das gehe aus den Gerichtsakten hervor. Als am 3. Februar die Polizeibeamten vom Revier in der Theaterstraße am Tatort eintrafen, bemerkten sie, dass der Hahn am Gasherd fehlt. Würr verstrickte sich in Widersprüche und wurde festgenommen.

Unstimmigkeiten in der Aussage

Am 1. April 1936 wurde dem Angeklagten vor dem Schwurgericht der Prozess gemacht. 25 Zeugen wurden während der Verhandlung vernommen. Selbst die Töchter belasteten ihren Vater. Würr gab zu, während des Maskenballs nach Hause gegangen zu sein. Er behauptete allerdings zunächst, dass jemand vor ihm in der Wohnung gewesen sein müsse, die Türen seien offen gestanden.

Die Antwort auf die Frage, warum er nicht sofort die Polizei und einen Arzt gerufen habe, blieb er dem Gericht schuldig. Stattdessen sei Würr nach Angaben seiner Töchter gut gelaunt wieder zum Maskenball zurückgekehrt. Am Ende räumte der 51-Jährige in der Hauptverhandlung doch ein, den Gashahn abgezogen zu haben, um seine beiden Enkel umzubringen. Das Gericht verurteilte Georg Würr zum Tode durch das Fallbeil. Eine Begnadigung durch den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler wurde abgelehnt.

Streicher war bei Hinrichtung dabei

Die Hinrichtung fand am Samstag, 25. Juli 1936, um 5 Uhr statt. Die Guillotine stand im Hof des Nürnberger Untersuchungsgefängnisses in der Bärenschanzstraße. Scharfrichter Johann Reichhart, der 1943 auch Mitglieder der Weißen Rose hinrichtete, setzte das Todesurteil um. Während der Vollstreckung war auch Gauleiter Julius Streicher anwesend. "Streicher hat nach zahlreichen Verhandlungen, die mit einem Todesurteil endeten, eine Genehmigung des Reichsministers der Justiz beantragt, um den Hinrichtungen beiwohnen zu können", sagt Thomas Auburger. Der Gauleiter sei für seine Brutalität, Geld- und Machtgier berüchtigt gewesen. Streicher kannte daher den Henker Reichhart gut.

Am 1. Oktober 1946 wurde Streicher im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zum Tode durch den Strang verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet. Sein Henker hieß John Clarence Woods. Der US-Soldat hatte sein Handwerk zuvor von einem Fachmann gelernt: Johann Reichhart.

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