Wahlkampf in ungewöhnlicher Zeit

Kurz und knackig: Hat Roth am Sonntag einen neuen Bürgermeister?

Motiv: Portrait - Carola Scherbel  Foto: Martin Regner, gesp.29.08.2019
Carola Scherbel

RHV

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15.1.2022, 12:04 Uhr
Am Sonntag wird gewählt. Unter fünf Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters haben die Rotherinnen und Rother die Wahl.

Am Sonntag wird gewählt. Unter fünf Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters haben die Rotherinnen und Rother die Wahl. © Detlef Gsänger

"Kurz und knackig", so nennt der gelernte Landschaftsgärtner Florian Weber (35) den Bürgermeisterwahlkampf. Er tritt an für "Die Partei", die ursprünglich Martin Sonneborn als Antipode oder Spaßversion der etablierten Parteien gegründet hat, die aber inzwischen auch im Rother Stadtrat mit einem - ernsthaften - Vertreter ein Mandat hat. Weber kann zwar keine Vergleiche ziehen, "weil ich ja noch keinen Bürgermeisterwahlkampf gemacht habe". Aber da die "normale" Form mit Veranstaltungen in Gaststätten nicht möglich war, "haben wir uns halt was einfallen lassen".

Zum Beispiel die "Gassirunde": Weber hat gepostet, auf welcher Runde er mit seinem Hund "Pucci" spazierengeht, wer Lust und Zeit hatte, schloss sich an. Zeit zum Fragenstellen, Diskutieren, Plaudern. Oder der witzige Schlüsselfund: zusammen mit Stadtrat Martin Winkler und seinem Wahlkampfteam hat Weber den Corona-Spaziergängern, die ja angeblich auf der Suche nach dem Schlüssel von Klaus sind, auf entwaffnend simple Art ihr Argument gemopst.

Erfahrung mit Bürgermeisterwahlkampf

Zwei Kandidaten haben bereits Erfahrung mit einem Bürgermeisterwahlkampf: Andreas Buckreus (SPD), seit 2014 Mitglied des Rother Stadtrates, ist schon 2017 gegen den damals amtierenden Bürgermeister Ralph Edelhäußer (CSU) angetreten - mit überraschend gutem Ergebnis: 44 Prozent der Stimmen hatte der Polizeibeamte dem amtierenden Rathauschef damals abgetrotzt. Seit der letzten Kommunalwahl 2020 ist er Stellvertreter des Bürgermeisters. Das heißt, als einziger der fünf Bewerber kann er bis zur Neuwahl im Rathaus schon mal Probe sitzen.

Aber diesmal ist auch für Buckreus (39) alles anders. Das Virus hat den Wahlkampf auf Schmalspur gesetzt. Statt einer Großveranstaltung mit dem Fürther OB Thomas Jung in der Kulturfabrik war jetzt virtuelles Informieren via Instagram und Facebook angesagt. In den Ortsteilen war er mit seinem "tollen Team", wie Buckreus seine Leute lobt, zunächst in Gast- oder Feuerwehrhäusern, später auch einfach "draußen" zu Gast. Dass eine "echte" Diskussionsrunde aller Kandidaten in der Kufa nicht zustande kommen konnte, bedauert er besonders.

Aber auch Michael Ruthardt (Rother Demokraten) findet es "sehr bedauerlich", dass sowohl die bislang von der Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung veranstaltete Podiumsdiskussion in der Kufa als auch andere Formate der Pandemie zum Opfer gefallen sind. Der 53-jährige Unternehmensberater hat sich auf den Haustürwahlkampf und auf Präsenz an Infoständen konzentriert.

Auch er kennt Wahlkampf aus eigenem Erleben: 2011 war er - als einer von insgesamt sechs Kandidierenden - in den Ring gestiegen, damals noch für die FDP. Damals machte Ralph Edelhäußer nach der Stichwahl gegen Sonja Möller das Rennen, und um Ruthardt wurde es kommunalpolitisch still. Jetzt hat er statt der FDP eine neunköpfige Unterstützerliste namens "Rother Demokraten" hinter sich. Ruthardt hofft auf eine gute Wahlbeteiligung und glaubt: "Es wird eine Stichwahl geben".

"Inspirierend"

"Sehr schöne Erfahrungen" hat Hans-Günter Kraetsch (CSU) im Lauf des Wahlkampfs gemacht. Der 51 Jahre alte Rechtsanwalt und SpVgg-Vorsitzende ist noch neu im politischen Betrieb und nennt die vielen Kontakte mit interessierten Menschen bei Infoständen und Ortsteilveranstaltungen (auch "einfach draußen auf der Wiese") "inspirierend", dabei "nicht so anstrengend, wie ich es mir vorgestellt hab".

Freilich wäre eine direkte Gegenüberstellung der Bewerber bei einer Podiumsdiskussion interessant gewesen und hätte den Wählerinnen und Wählern neue Blickwinkel eröffnet. Aber Kraetsch hat sich dann - wie die anderen Kandidaten auch - auf Infostände und Ortsteilbesuche konzentriert sowie online präsentiert. Mehrere Diskussionsrunden bot er auf Instagram und Facebook an. Für den Wahlausgang am Sonntag will er keine Prognose abgeben, nur so viel: "Es wird relativ knapp". Und an eine Stichwahl in zwei Wochen "glaubt die Mehrheit".

Als letzter Bewerber auf den rein männlich besetzten Kandidatenzug hat sich kurz vor Ende der Nominierungsfrist Stefan Kuschel geschwungen. Der 39 Jahre alte Notfallsanitäter tritt - wie schon bei der Bundestagswahl im September - für die Partei "Die Basis" an. Er habe vorrangig auf Plakate und auf Gesprächsrungen im Internet gesetzt. Infostände hat die Basis nicht angeboten, denn da in den Läden auf dem Marktplatz 2G oder 2G+ gelte, "erreicht man die Leute nicht, die 2G nicht erfüllen".

"Nicht ganz nachvollziehbar" sei für ihn gewesen, dass ein Interview des Familienzentrums MütZe e.V. mit ihm wieder offline gestellt wurde. Kommentare dazu hätten vermuten lassen, "als ob wir rechtsradikal wären". Davon distanziere er sich jedoch deutlich, das Interview habe keine derartigen Aussagen enthalten. Anmerkung der Redaktion: Das Familienzentrum MütZe hat bei Besuchen aller fünf Bürgermeisterkandidaten Fragebögen an sie vergeben. Nach dem Besuch von Stefan Kuschel distanzierte sich der Verein jedoch "von den Inhalten der Partei Die Basis". Man habe beim Besuch des Kandidaten "festgestellt, dass grundlegende Ansichten und Meinungen weit auseinandergehen und sich nicht mit unseren Werten decken". Kuschels Antworten auf die Fragen sind auf der MütZe-Seite nicht mehr zu finden.

Ob es einer der fünf Kandidaten auf Anhieb schafft, als Bürgermeister ins Rathaus einzuziehen? Wenn auf keinen der Herren mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen fällt, findet zwei Wochen später, am Sonntag, 30. Januar, eine Stichwahl unter den beiden Bestplatzierten statt. Gewählt wird der Bürgermeister für vier Jahre. Denn weil die Zeit bis zur nächsten Kommunalwahl vier Jahre beträgt, wird der Wahltermin des Bürgermeisters wieder dem des Stadtrates angeglichen: März 2026.

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