Gesundheits-Checkup

Verkalkte Arterien: Wer profitiert wirklich von einem "Herz-CT"?

Isabel Lauer
Isabel Lauer

Lokalredaktion Nürnberg

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3.5.2021, 10:25 Uhr
Wirklichkeitsgetreuer Blick in den Körper: So übersetzt ein Computertomograf ein menschliches Herz in eine Ansicht auf dem Bildschirm.

Wirklichkeitsgetreuer Blick in den Körper: So übersetzt ein Computertomograf ein menschliches Herz in eine Ansicht auf dem Bildschirm. © Universitätsklinikum Erlangen, Medizinische Klinik 2

Die Computertomografie, kurz CT, ist eine medizinische Errungenschaft: eine Röntgen-Untersuchung, die räumliche Bilder aus dem Körperinneren liefert. Das Verfahren ist Standard, um Verletzungen, Tumore oder Entzündungen im Detail zu erkennen. Die Patienten werden dabei in einem Ring liegend durchleuchtet. Für detailliertere Bilder kann man ihnen ein Kontrastmittel spritzen. Die Prozedur dauert wenige Minuten, moderne Geräte halten die Strahlenbelastung sehr gering.

Auch Herzspezialisten nutzen den Computertomografen seit langem, um Ablagerungen und Engstellen in den Herzkranzgefäßen zu beurteilen. Geht es nach dem Nürnberger Kardiologen Dr. Martin Laser, müsste das noch viel häufiger der Fall sein, auch außerhalb der Krankenhäuser. "Die Diagnostik mit CT", ist er überzeugt, "könnte helfen, Tausende von Herzinfarkten und unnötige Herzkatheter-Eingriffe zu verhindern." Das sehen viele seiner Fachkollegen genauso – aber wie so oft behindern Beharrungskräfte den Wandel.

Engstellen verlässlich ausschließen

Laser zählt zu den ersten niedergelassenen Fachärzten in Bayern, die so ein Gerät für ihre Praxis angeschafft haben. Seit 2019 hat er es im Einsatz, für zwei Gruppen von Menschen. Die erste umfasst Patienten mit unklaren Brustschmerz-Beschwerden. Ihnen kann die Computertomografie mit Kontrastmittel die aufwändigere und risikoreichere Untersuchung per Herzkatheter ersparen.


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Die anderen nicht-invasiven Untersuchungswege – Ultraschall, EKG, Messung der Halsschlagader – sind in solchen Fällen vergleichsweise ungenau. Eine große Studie aus Schottland konnte zeigen, dass das Herz-CT die Genauigkeit der Diagnose deutlich verbesserte und sogar die Herzinfarkt-Sterblichkeit senkte.

Vorausgesetzt, es handelt sich um die richtigen Patienten, betont Dr. Leif-Christopher Engel, Bildgebungs-Experte am Deutschen Herzzentrum München. "Um die Vorzüge des CT zu erleben, brauchen wir Patienten mit niedriger bis mittlerer Wahrscheinlichkeit für eine koronare Herzkrankheit. Also eher keinen hochsymptomatischen 100-Kilo-Menschen mit Diabetes." Das CT, das ist seine Stärke, kann Engstellen der Herzkranzgefäße am verlässlichsten ausschließen.

Engel prophezeit der Methode einen wachsenden Stellenwert, auch bei der Entdeckung von unbemerkten, entzündlich veränderten Ablagerungen, die einen Herzinfarkt auslösen können. "Die Daten belegen klar die Vorteile. Aber das muss noch besser kommuniziert werden." Denn noch eine zweite Gruppe kann vom Herz-CT profitieren: beschwerdefreie Menschen mit etwas erhöhten Cholesterinwerten und wenigen weiteren Risikofaktoren. Dazu zählen etwa die familiäre Veranlagung für Herzinfarkte, Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen. Eine kürzere CT-Untersuchung ohne Kontrastmittel – die Bestimmung des "Kalk-Scores" – enthüllt auf dem Bildschirm, zu welchem Grad die Gefäße bereits verkalkt sind.

Leitlinien geben die Patientengruppe vor

"Für eine allgemeine Risikoprognose ,Wo stehe ich?‘ ist die Messung von Koronarkalk bei diesen nach den Leitlinien ausgewählten Patienten ein gutes Verfahren", urteilt Prof. Peter Bernhardt vom Bundesverband der Niedergelassenen Kardiologen. Manche fühlten sich vielleicht aufgefordert, ihren Lebensstil zu ändern. Inwieweit deswegen Folgeuntersuchungen und Therapien zielgenauer werden, sei damit aber noch nicht gesagt.

Nicht alle Kollegen preschen so voran wie der Nürnberger Arzt Martin Laser, der den "Kalk-Score" als "spielentscheidend wie der Tie-Break im Tennis" bezeichnet. Die Bilder helfen tatsächlich bei der Abwägung, ob Medikamente zur Cholesterinsenkung nötig sind, um die Ablagerungen zu stoppen. Laser spricht von "grausamen Schicksalen. Ich habe erlebt, dass jemand mit unauffälligem Belastungs-EKG eine Woche später fünf Bypässe bekam." Er denkt an einen Patienten: Anfang 50, Fitness-Freak, leicht erhöhte Blutfettwerte – erst im "Kalk-Score" habe sich der Mann als hochgradig gefährdet erwiesen. Er habe sich checken lassen, weil sein Vater im ähnlichen Alter einen Infarkt hatte.

Die Computertomografie gewährt ganz genaue Einblicke in die Beschaffenheit der Gefäße rund ums Herz und gibt damit Rückschlüsse auf das Herzinfarkt-Risiko.

Die Computertomografie gewährt ganz genaue Einblicke in die Beschaffenheit der Gefäße rund ums Herz und gibt damit Rückschlüsse auf das Herzinfarkt-Risiko. © Universitätsklinikum Erlangen, Medizinische Klinik 2

Umgekehrt zeige sich, welche Menschen so intakte Gefäße haben, dass sie im nächsten Lebensjahrzehnt wahrscheinlich keinen Herzinfarkt bekommen. "Nicht jeder vermeintliche Risikopatient ist einer."

Gesetzlich Versicherte müssen selbst zahlen

Egal ob Herz-CT bei unklaren Beschwerden oder für die Kalkmessung: In beiden Fällen zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Untersuchung nicht, mit Ausnahme regionaler Projekte. Für Selbstzahler kostet sie zwischen 200 und 500 Euro. Die Mühlen der Breitenversorgung mahlen langsam, obwohl die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2019 das Kontrastmittel-Herz-CT für die Gruppe mit leichten Symptomen zur ersten Wahl hochstufte. Ein Verfahren, um daraus eine Kassenleistung zu machen, hat beim Gemeinsamen Bundesausschuss noch nicht begonnen.


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Prof. Stephan Achenbach, Kardiologie-Chefarzt am Universitätsklinikum Erlangen und Präsident der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, kann die Zurückhaltung zum Teil verstehen. "Wenn die Untersuchung bei den richtigen Patienten eingesetzt und von Experten durchgeführt wird, ist sie hilfreich." Bei einem unkritischen Einsatz sei jedoch unnötige Folgediagnostik zu befürchten.

"Kein Lifestyle-Instrument"

Auf keinen Fall sei es "ein Lifestyle-Instrument", das man "sich mal eben so gönnt", betont auch Dr. Karsten Pohle, Chef der Kardiologie am Nürnberger Krankenhaus Martha-Maria. Als anlasslose Vorsorgemaßnahme sei es medizinisch ungeeignet. Am Ende blieben gar nicht so viele Patienten als Zielgruppe übrig, so Pohle. Menschen, die sich durch Werbung für die Kalk-Messung angesprochen fühlen, rät er zur Besprechung mit ihrem Kardiologen: Steht eine Entscheidung für oder gegen Cholesterinsenker überhaupt an? Was ergaben bisherige Untersuchungen? Der Verzicht auf eine CT-Untersuchung müsse keinen Nachteil bedeuten. "Viele Risikofaktoren kann man auch mit den klassischen Methoden sehr gut einordnen – nur in wenigen Zweifelsfällen nicht."

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