Basketball-Länderspiel in Nürnberg

"Dann braucht es vielleicht die Impfpflicht. Punkt": Bastian Doreth im Interview

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 28.09.16..FOTO: Michael Matejka MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait - Sportredakteur Sebastian Gloser ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Sebastian Gloser

Sportredakteur

E-Mail zur Autorenseite

25.11.2021, 06:00 Uhr
Abklatschen mit den Fans ist derzeit nicht möglich, Bastian Doreth freut sich trotz der Umstände sehr auf sein Heimspiel mit der Nationalmannschaft in Nürnberg.

Abklatschen mit den Fans ist derzeit nicht möglich, Bastian Doreth freut sich trotz der Umstände sehr auf sein Heimspiel mit der Nationalmannschaft in Nürnberg. © Sebastian Gollnow, NN

In dieser Woche arbeitet der Basketball-Profi Bastian Doreth, 32, ausnahmsweise einmal zu Hause in Nürnberg, um die beiden Kinder muss sich trotzdem seine Frau kümmern. Der Papa wohnt 300 Meter Luftlinie im Mannschaftshotel, am Donnerstagabend (19 Uhr/MagentaSport) versucht er in der Kia Metropol Arena mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Estland den ersten Schritt zur Weltmeisterschaft 2023 zu machen. Davor hat er uns noch ein Interview gegeben.

Herr Doreth, wie sauer sind Sie, dass nach den neuesten Auflagen nur maximal 1000 Zuschauer Ihr Nationalmannschafts-Heimspiel verfolgen können?

Doreth: Ich weiß nicht, ob man da sauer sein sollte. Ich finde es vernünftig, wenn man sich die aktuelle Situation anschaut, aber es ist natürlich extrem schade.

Mit einer höheren Impfquote hätten wohl deutlich mehr Menschen kommen dürfen.

Doreth: Ich habe wirklich wenig Verständnis dafür, sich nicht impfen zu lassen. Unsere Branche ist davon auch betroffen, dass es jetzt wieder Einschränkungen gibt, aber da geht es natürlich anderen noch deutlich schlechter, wenn ich jetzt zum Beispiel an den Christkindlesmarkt denke.

Wie sehr nervt es, dass es scheinbar nur noch dieses eine Thema zu geben scheint, dass kaum noch über das Sportliche gesprochen wird und mehr über die Rahmenbedingungen.

Doreth: Das nervt ungemein. Man ist fast täglich davon betroffen und ich befürchte, dass unsere Gesellschaft durch das Thema noch mehr gespalten wird. Aber es bleibt einem ja nichts anderes übrig als das Beste daraus zu machen. Ich versuche allerdings, mich nicht zu sehr in das Thema hineinzusteigern, weil mir das zu viel positive Energie nimmt.

"Wir sind mehr": Bastian Doreth hat auch in der Vergangenheit zu gesellschaftlichen Themen klar Stellung bezogen, 2018 initiierte er eine Aktion gegen Rassismus. © imago images/Camera 4/Sascha Fromm, NN

Wobei Sie sich in der Vergangenheit auch bei anderen gesellschaftlichen Themen klar positioniert haben. Bei der Nationalmannschaft haben sie 2018 eine Aktion gegen Rassismus initiiert, kribbelt es aktuell wieder in den Fingern?

Doreth: Ich habe schon darüber nachgedacht und mich in den sozialen Medien auch immer wieder einmal geäußert, allerdings ist meine persönliche Erfahrung: Je mehr man versucht, Impfgegner zum Umdenken zu "beraten" desto mehr Widerstand kommt da. Man verliert da schnell die Lust. Das ist vielleicht falsch, aber man muss sich irgendwann auch mal selbst in Schutz nehmen. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, vielleicht braucht es jetzt einfach die Impfpflicht. Punkt.

Sie sprechen von persönlichen Erfahrungen. Wie oft haben Sie die Diskussion schon in der Kabine oder in Ihrem Umfeld geführt?

Doreth: In der Kabine musste ich sie Gott sei Dank noch nicht führen, auch nicht im engeren Umfeld, aber erschreckend oft im weiteren Umfeld.

Befeuert wird das unter anderem durch prominente Sportler, die sich nicht impfen lassen.

Doreth: Ich finde es gut, Dinge kritisch zu hinterfragen, aber hier fehlen oft die Argumente. Wenn jemand Angst vor Nebenwirkungen der Impfung hat: Okay. Aber es sind jetzt schon so viele Millionen Menschen geimpft worden, die keine Probleme bekommen; umgekehrt können die Folgen einer Infektion aber höchst problematisch sein wie auch ein Fall bei uns in Bayreuth zeigt. Gerade Sportler sollten hier auf die Langzeitfolgen von Corona achten.

Lassen Sie uns über die Nationalmannschaft reden. Sie saßen beim ersten Länderspiel in Nürnberg 2003 im Publikum. Ihre Erinnerung an den Abend in der Arena Nürnberger Versicherung?

Doreth: Die Stimmung war sensationell, auch wegen den türkischen Fans. Mit Dirk Nowitzki stand ein Superstar auf dem Parkett, für mich war das ein absoluter Flash als junger Bub. Das war sehr gute Werbung für den Basketball.

Hätten Sie sich an diesem Tag vorstellen können, irgendwann einmal selbst für die Nationalmannschaft aufzulaufen?

Doreth: Absolut nicht. Damals habe ich nebenbei noch Fußball gespielt, es war nicht klar, dass Basketball meine Sportart Nummer eins wird.

Wie fühlt sich das an im Rückblick, jetzt, da Länderspiele fast schon Alltag geworden sind bei Ihnen?

Doreth: Man muss sich tatsächlich immer wieder mal daran erinnern, weil man im Profisport-Alltag vieles für selbstverständlich hinnimmt; selbstverständlich, dass man jetzt bei der Nationalmannschaft dabei ist, selbstverständlich, dass man über 300 Bundesligaspiele gemacht hat. Ich erwische mich in letzter Zeit - wo absehbar ist, dass die Karriere irgendwann mal zu Ende geht - immer öfter dabei, darüber nachzudenken, dass diese Dinge bald nicht mehr da sind. Und auch nicht mehr wiederkommen. Da bin ich schon stolz auf das, was ich erreicht habe. Auch wenn der stressige Alltag einen immer wieder einlullt, sollte man sich immer wieder bewusst machen, dass das alles ein großes Geschenk ist.

Weil Sie ihn erwähnt haben: Auch unter anderen Umständen wären diesmal zum Länderspiel keine 8000 Zuschauer gekommen. Fehlt dem deutschen Basketball ein neuer Dirk Nowitzki?

Doreth: Ein Dirk Nowitzki fehlt wohl so ziemlich jedem Sportverband. Er ist zunächst einmal ein herausragender Sportler, aber auch ein herausragender Mensch und für mich in den Top15 der besten Basketballspieler aller Zeiten. Natürlich fehlt so einer, aber wenn man sich die Spieler anschaut, die gerade für Deutschland auflaufen könnten, dann sollten wir stolz sein. Es gab noch nie so viele NBA-Spieler, wir haben Top-Euroleaguespieler, in der heimischen Liga übernehmen immer mehr Verantwortung. Wir haben nicht den einen Super-Super-Star, aber in der Breite sind wir sehr gut aufgestellt.

Bei den anstehenden Qualifikationsspielen sind die Topspieler nicht dabei, dafür ist der "Papa" wieder dabei, wie Sie bei Facebook geschrieben haben. Was bringt der Papa der Mannschaft?

Doreth: Zunächst einmal eine Menge Erfahrung, so viele Qualifikationsspiele wie ich hat wohl kaum jemand absolviert. Ich bin vielleicht eine Art Spezialist dafür, in kürzester Zeit ein Team mit zu formen. Manche Spieler sind zum ersten Mal dabei, da geht es darum, ihnen ein Gefühl zu vermitteln, was es bedeutet, für Deutschland zu spielen, und darum, in kürzester Zeit eine Identität zu entwickeln. Ich würde mich als Qualifikations-Experte sehen. (lacht)

Und nächstes Jahr im Sommer bei der EM übernimmt den Platz vom Papa dann wieder Dennis Schröder oder Maodo Lô.

Doreth: So schaut's wahrscheinlich aus. Ich komme damit klar, denn mir ist auch bewusst, dass ich wahrscheinlich nicht mit dabei wäre, wenn jetzt auch die NBA- und Euroleague-Spieler Zeit hätten. Man kann das dann doof finden - oder sich zurücknehmen und seinen Beitrag leisten, dass es mit der enorm wichtigen Qualifikation klappt.

Keine Kommentare