Velburger Marathon-Profi macht Schluss

Karriereende zerstört Olympia-Traum von Jonas Koller

16.7.2021, 09:41 Uhr
Die Teilnahme an der Heim-Europameisterschaft in Berlin 2018 geriet zum sportlichen und emotionalen Höhepunkt der Marathon-Karriere von Jonas Koller aus Velburg.

Die Teilnahme an der Heim-Europameisterschaft in Berlin 2018 geriet zum sportlichen und emotionalen Höhepunkt der Marathon-Karriere von Jonas Koller aus Velburg. © imago images/Axel Kohring

Mit 28 Jahren wohnt Jonas Koller wieder zu Hause bei seinen Eltern. Schon einmal hat ihn die oberpfälzische Familie aufgefangen, wurde er doch als sechs Monate altes Findelkind aus der afrikanischen Metropole Addis Abeba im bürgerkriegsgebeutelten Äthiopien adoptiert. "Ich habe mich bewusst zurückgezogen und nur zu ganz wenigen Menschen Kontakt", berichtet Koller nun über eine "turbulente Zeit", die in den vergangenen zwei Jahren der sprichwörtlichen Achterbahnfahrt der Gefühle glich.


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Seitdem ihn der Papa mit 16 Jahren zum Laufen ermunterte, bewegte sich das hagere Leichtgewicht zunächst permanent auf der Überholspur. Dem Debüt-Sieg bei der Oberpfalz-Meisterschaft 2009 folgte der Sprung in die Fördergruppe der Regensburger Trainer-Ikone Kurt Ring. Das Talent aus Velburg steigerte kontinuierlich die Distanzen, startete bei der U20-WM noch über 10000 Meter und feierte schließlich 2017in Frankfurt mit dem deutschen Vizemeister-Titel im Marathon seinen Durchbruch bei der Erwachsenen-Elite. Nach dem vielversprechenden Auftritt bei der EM 2018 in Berlin als zweitbester Deutscher bremsten Koller indes hartnäckige Kniebeschwerden aus, die sich als Patellasehnenriss entpuppten.

Kaum hatte die reflektierte Frohnatur die langwierige Reha überstanden, sah sich Koller im chaotischen Corona-Frühjahr 2020 der nächsten Geduldsprobe ausgesetzt. "Die fehlende Wettkampf-Perspektive hat sicher ein bisschen auf die Motivation gedrückt, aber immerhin hatte ich Zeit für den Formaufbau", sagt Koller. Denn schon zuvor hatte dieser beschlossen, "noch einmal einen neuen Reiz zu setzen" und sein Leben für den Traum von den Olympischen Spielen komplett dem Leistungssport unterzuordnen. Während andere Spitzenathleten die Unterstützung von Bundeswehr oder Polizei in Anspruch nahmen, jobbte der Velburger neben seinen 14 Trainingseinheiten pro Woche halbtags in einem Regensburger Schuhgeschäft, in dem noch heute ein riesiges Foto von seinem EM-Lauf an der Wand hängt.

Signale des Körpers ignoriert

Im Vergleich dazu spornten sich am Stützpunkt des TV Wattenscheid die unter steter physiotherapeutischer Aufsicht stehenden besten Langstrecken-Asse des Landes zweimal täglich untereinander an und spulten weitere Übungen im Kraftraum ab. Obwohl die offizielle Bestzeit des Jonas Koller in 2:16 Stunden noch aus dem Jahr 2017 datierte, wähnte er zu Jahresbeginn 2021 die Norm für Tokio (2:11 Stunden) in Reichweite.

Der aufstrebende Jonas Koller, im Bild neben Dreifachsiegerin Constanze Boldt, gewann 2010 als erster Jugendlicher das Hauptrennen beim Seubersdorfer Silvesterlauf.

Der aufstrebende Jonas Koller, im Bild neben Dreifachsiegerin Constanze Boldt, gewann 2010 als erster Jugendlicher das Hauptrennen beim Seubersdorfer Silvesterlauf. © Helmut Sturm

Allein tief im inneren seines Körpers "habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmte. Der Bewegungsablauf war nicht flüssig". Eine MRT-Untersuchung deutete auf einen Ermüdungsbruch zwischen Oberschenkel und Hüftansatz hin, trotzdem reiste der Oberpfälzer im März mit der Mannschaft ins Trainingslager nach Kenia, um nach kurzer Pause zumindest in eine dosierte Belastung zurückzukehren.


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"Bei uns Läufern zwickt es eigentlich ständig irgendwo. Ich dachte, ich kann die Schmerzen abschütteln und selbst als die nicht mehr auszuhalten waren, wollte ich es nicht wahrhaben." Seinen 28. Geburtstag verbrachte Koller in bedrückender Ungewissheit, ehe ihm erst ein neuerlicher Arztbesuch die Augen öffnete. "Die Prognose, dass ich bald ein künstliches Hüftgelenk brauche, hat die entscheidende Abschreckung bewirkt."

Ausklang auf dem Fußballplatz

Das jähe Karriere-Ende hat Koller inzwischen psychologisch verarbeitet. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen und wusste von Anfang an, dass der Spitzensport kein Kindergeburtstag ist. Auf eine gewisse Art ist dieses knallharte Geschäft gnadenlos ehrlich. Die Erfahrungen, mit Druck und Rückschlägen umzugehen, meine eigenen Grenzen zu überwinden, dürften mir auch im zivilen Leben zu Gute kommen." Beruflich möchte der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann gerne Abstand von der Lauf-Szene gewinnen und strebt keine Trainertätigkeit an, aber ganz ohne Sport geht es nicht.

Damit sich das Herzkreislauf-System eines Ausdauer-Athleten an die ruhigere Normalität gewöhnt, spielt Koller wieder Fußball bei seinem Jugendverein TV Velburg. "Ich sehe mich in erster Linie als Joker und muss ja noch auf meine Hüfte aufpassen, genieße dafür vor allem die Geselligkeit. Statt mit aller Gewalt 110 Prozent zu geben in jeder Einheit, freue ich mich darauf, nach dem Training auf der Terrasse mal die Beine hochzulegen. In meiner Jugend habe ich einiges verpasst." Die Eltern jedoch müssen sich zu Hause keine Sorgen machen. Drei halbe Bier verträgt ihr Sprössling allemal.

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