Klettern in Absprunghöhe

Bouldern boomt in der Metropolregion Nürnberg: Das steckt hinter dem Trend

7.12.2021, 12:00 Uhr
Für Einsteiger und Fortgeschrittene spannend: Beim Bouldern verbessert man sich schnell und kann an der Wand immer neue Schwierigkeitsstufen austesten. 
 

Für Einsteiger und Fortgeschrittene spannend: Beim Bouldern verbessert man sich schnell und kann an der Wand immer neue Schwierigkeitsstufen austesten.    © Andreas Regler, NN

Hannes Huch, selbst begeisterter Kletterer und bis 2018 Mitinhaber der Nürnberger Boulderhalle "Café Kraft", hat eine ebenso einfache wie einleuchtende Erklärung: "Klettern gehört zu den Grundbewegungsarten, das ist in der DNA des Menschen verankert", und Bouldern als Spielart des Kletterns sei einfach "deutlich niederschwelliger" als das klassische Seilklettern. Das habe definitiv zur Popularität beigetragen.

"Man muss praktisch nichts können, man kann sofort anfangen"

Ähnlich sieht es Simon Brünner, Geschäftsführer der "Blockhelden GmbH", die in Bubenreuth demnächst einen großen Boulderhallen-Neubau eröffnen wird: "Die Einstiegshürden sind sehr gering, der Sport ist super inklusiv." Noch plakativer formuliert es Dirk Uhlig, einer der E4-Geschäftsführer aus Nürnberg: "Man muss praktisch nichts können, man kann sofort anfangen." Komplexe Sicherungstechniken und teure Ausrüstung braucht es nicht, Schuhe kann man sich in den Hallen leihen, bei den nur wenige Meter hohen Routen ist Höhenangst selten ein Problem, man ist nicht auf einen Partner angewiesen und erzielt zügig Fortschritte.

Alles Vorteile, die dieser Form des Kletterns eine stetig wachsende Fangemeinde bescheren. Ein Trendsport im Sinne eines kurzfristigen Hypes ist das Bouldern daher für keinen der Experten mehr. Im Gegenteil: "Bouldern boomt seit 20 Jahren", sagt Dirk Uhlig. Mittlerweile ist es laut Hannes Huch "absolut im Mainstream angekommen. Heute muss man keinem mehr erklären, was das ist." Simon Brünner kann das nur unterstreichen: "Es ist als Sport in der breiten Gesellschaft angekommen."

Bis zur Jahrtausendwende war das noch anders. Bouldern diente den Sportkletterern lange Zeit nur dazu, die Form über den Winter zu retten oder für das Seilklettern zu trainieren. Wer dazu nicht an Felsen im Freien frieren wollte, trainierte Bewegungssequenzen in muffigen Kellern oder kleinen Bereichen in Kletterhallen, in denen ein paar Quadratmeter Wand mit künstlichen Griffen vollgeschraubt waren. Erst vor gut 20 Jahren änderte sich das in Deutschland.

Neben eigenen Wettbewerben sorgte vor allem das Entstehen der ersten kommerziellen, speziell auf das seilfreie Klettern ausgelegten Hallen von 2003 an dafür, dass das Bouldern aus der dunklen Nische emporstieg und sich langsam als eigenständiger Sport etablierte. Als klar war, dass die Idee der Boulderhallen funktioniert, eröffnete Einrichtung um Einrichtung, was den Sport einem immer breiteren Publikum zugänglich machte.

Zwei neue Halle entstehen

Auch die Metropolregion erfasst dieser Trend: Mit einem Geschäftspartner eröffnet Hannes Huch 2011 das "Café Kraft" in Nürnberg. "Ich wollte einen Anlaufpunkt zum Klettern und Trainieren schaffen", erzählt Huch, der 2018 das Unternehmen verlassen hat. Seine Halle aber war damals erst der Anfang: 2012 machten die "Blockhelden" in Erlangen auf, ein Jahr später folgte in Nürnberg das "E4", 2015 der "Steinbock“ in Zirndorf, 2020 kam eine weitere "Steinbock"-Halle in Nürnberg hinzu.

Klettern liegt in der DNA des Menschen: Hier allerdings wagt sich jemand eher symbolisch das Nürnberger Pellerhaus hinauf. 
 

Klettern liegt in der DNA des Menschen: Hier allerdings wagt sich jemand eher symbolisch das Nürnberger Pellerhaus hinauf.    © Harald Sippel, NN

Und noch immer wächst die Szene: In Bubenreuth steht die "Boulderhalle Frankenjura", die die alte "Blockhelden"-Location ersetzen wird und laut Besitzer die größte reine Boulderhalle der Welt sein soll, kurz vor der Eröffnung. Außerdem haben die "Steinbock"-Besitzer angekündigt, eine weitere Boulderhalle im Erlanger Stadtteil Bruck zu eröffnen, direkt am Fahrradweg, in der ehemaligen "Warrior's Luck"-Halle.

Es gibt noch wirtschaftliches Wachstumspotential

Obwohl die Region in Sachen Hallenzahl und Boulderfläche laut Uhlig schon jetzt "eine der größten Dichten in Deutschland" aufweist, sehen die Betreiber Simon Brünner und Simon Herr im Bouldersport durchaus noch wirtschaftliches Wachstumspotential. "Ansonsten hätten wir die neue Halle wohl kaum gebaut", meint Brünner und lacht.
Dass auch das Seilklettern trotz des Boulder-Booms der vergangenen Jahre noch immer seine Anhänger hat, sieht man dagegen in Neumarkt.

2018 eröffnete die dortige DAV-Sektion eine Halle mit 1200 Quadratmetern Kletterfläche - und einem Boulderbereich von gerade einmal 300 Quadratmetern. Man habe sich "aufgrund der Konkurrenzsituation mit den vielen Boulderhallen der Region bewusst so entscheiden", erklärt der Sportliche Leiter Achim Fischer. Als nicht-kommerzielle Halle könne man sich das "leisten".

Die Masse der Besucher komme laut Fischer zum Seilklettern, nur rund 30 Prozent sind reine Boulderer. Wobei das Bouldern für einige nur der Einstieg ins Seilklettern ist. "Immer wieder kommen Neulinge mit total falschen Vorstellungen in die Halle. Die lassen wir dann erstmal beim Bouldern ins Klettern reinschnuppern. Manche wechseln dann tatsächlich nach einiger Zeit zum Seilklettern." Andere bleiben beim Bouldern. Der Boom geht weiter.

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