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"Wirklich prekär": Wie der Corona-Bewegungsmangel unseren Kindern schadet

Sportwissenschaftlerin Susanne Tittlbach befürchtet mehr Ungleichheit - 21.02.2021 13:44 Uhr

Auf den Spielplatz geht es für Kinder während der Corona-Pandemie immer seltener. Das hat Folgen. 

17.02.2021 © Wolfgang Dressler, NN


Susanne Tittlbach (49) ist Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Sports an der Universität Bayreuth. Sie interessiert sich für gesellschaftliche Strukturen, die einen aktiven Lebensstil fördern.

Sportwissenschaftlerin Susanne Tittlbach.

01.02.2021 © Privat


Frau Tittlbach, schon zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 hatten Sie befürchtet: Je länger der Lockdown, desto inaktiver die Menschen. Wie ist es heute, stehen wir inzwischen alle still?

Für den zweiten Lockdown gibt es noch keine verlässlichen Daten. Im ersten Lockdown während des Frühjahrs 2020 haben Wissenschaftler festgestellt, dass die Erwachsenen sich durchschnittlich weniger bewegen. Außerdem zeigt sich eine soziale Schere: Menschen mit einem niedrigeren Sozialstatus sind noch weniger aktiv, als sie es vorher schon waren. Diejenigen mit einem höheren sozialen Status und auch sportliche Menschen haben ihre Aktivität dagegen sogar gesteigert.

Und Schulkinder?

Bei Kindern und Jugendlichen haben Karlsruher Kollegen herausgefunden, dass die im Frühjahrs-Lockdown im Alltag sogar aktiver waren. Dafür ist die organisierte sportliche Aktivität wirklich auf null gegangen. Wie es jetzt im Herbst-Lockdown ist, dass weiß man noch nicht. Die Befürchtung ist aber, weil jetzt Herbst und Winter ist, dass sich dieser positive Effekt des Frühjahrs-Lockdown nicht wiederholt.

Sagen wir eine 16-jährige Teenagern bekommt von ihrer Sportlehrerin Übungen für zu Hause, die sie alleine ausführen soll. Kann das den Unterricht in der Halle ersetzen?

Nein, denn damit es Unterricht ist, muss die Bewegung mit kognitiver Aktivierung verknüpft werden, die Bewegung muss also auch reflektiert werden. Toll ist, dass die Sportlehrerin einen verbindlichen Bewegungsimpuls setzt. Dazu sollte es aber zur normalen Sportunterrichtszeit ein gemeinsames, virtuelles Meeting geben, um zu besprechen: Wie seid ihr zurechtgekommen mit der Bewegung? Was habt ihr an Körperreaktionen erfahren? Bewegungserfahrungen sollten mit den Schulkindern immer reflektiert werden, sonst ist es zwar „Sport treiben“, aber kein Sportunterricht, der sie im Sport handlungsfähig machen soll.

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Auf das Alter kommt es an

Würde das auch für den 6-jährigen Erstklässler gelten?

Je jünger die Kinder, desto schwieriger ist das Handling der technischen Möglichkeiten und auch die Reflektiertheit im Umgang damit. Wie beim normalen Unterricht auch, muss ich das zwingend aufs Alter runterbrechen: Bei jüngeren Kindern muss man Übungen eher gemeinsam virtuell machen und dann kindgerecht gemeinsam reflektieren. Und natürlich kann man zu Hause nie so viel machen wie in der Sporthalle. Das Kennenlernen einiger Sportarten funktioniert gar nicht. Ich kann da nicht Fußball fünf gegen fünf spielen.

Was wären geeignete Übungen?

Übungen zu Gesundheit und Fitness können gut funktionieren, sofern das Kind eine virtuelle Konferenz besuchen kann und Platz hat, um zum Beispiel körpergestützte Übungen wie Krafttraining zu machen. Aber auch da wissen wir, dass Kinder aus einem sozial schwachen Status sowieso schlechter erreichbar sind im Homeschooling.


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Stichwort sozialer Status: Ich kenne einen Lehrer, der es für gefährlich hält, wenn Kinder intime Einblicke in die Wohnungen ihrer Mitschüler erhalten, weil das Mobbing provozieren könnte. Sie empfehlen trotzdem, die Kamera einzuschalten?

Wenn ich als Lehrkraft die Sorge habe, dass Mobbing passiert, muss ich andere Wege suchen. Viele virtuelle Räume bieten die Möglichkeit, Kleingruppen zu bilden, dann sehen nur die sich untereinander. Oder ich kann den Kindern zeigen, wie man einen anderen Hintergrund einstellt, so dass man eben nicht in den Raum hineinschauen kann. Aber das erfordert technische Kenntnisse, mit 6-jährigen Kindern ist es sicherlich schwer, dass das klappt. Falls virtuelle Treffen nicht klappen, könnte aber z.B. auch mit kindgerechten Arbeitsblättern zur Selbsteinschätzung gearbeitet werden, um Bewegungsaufgaben zu begleiten.

Eltern als Vorbilder

Können Eltern in diesen besonderen Zeiten eine Unterstützung sein?

Eltern sind für das Sport- und Bewegungsverhalten der Kinder und Jugendlichen ein großes Vorbild. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass die Aktivität der Eltern eine große Rolle dafür spielt, ob Kinder langfristig einen aktiven Lebensstil aufbauen. Vielleicht ist es ganz gut, dass die Eltern mal mitmachen bei so einer virtuellen Sportstunde, um zu sehen, was da passiert und was man dann auch wann anders mit den Kindern aufgreifen kann.

Viele Eltern dürften dafür keine Zeit haben…

Ja, das ist ein Riesenproblem, man darf sie nicht überfordern. Es ist gerade für viele Familien schon schwierig genug, den Alltag zu stemmen. Dann auch noch irgendwo mitmachen zu müssen, würde eine noch größere Schwierigkeit hervorrufen. Aber man muss den Eltern ein Bewusstsein mitgeben, wie Bewegung in den Alltag kommen kann, soweit es die persönlichen Ressourcen zulassen. Das fände ich schon wichtig.

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Sie haben schon mehrfach die soziale Schere angesprochen, dass ausreichende Bewegung bei Kindern davon abhängt, ob ihre Eltern zum Beispiel arm oder reich sind. Wird die Schere während Corona noch größer?

Die sozialen Ungleichheiten werden zunehmen, das ist so zu vermuten, weil Schule, Sportunterricht, Sport-AG oder auch Sportverein nicht mehr moderierend eingreifen können. Es hängt gerade alles am Elternhaus. Was dort möglich gemacht wird, ist möglich – alles andere nicht. Gerade ist alles auf die Kernfamilie zurückgeworfen. Eigentlich möchte unser Schulsystem die soziale Ungleichheit hinsichtlich Gesundheit und Bewegung ja möglichst ausgleichen. Die Situation ist wirklich prekär, weil die moderierenden Einflüsse außerhalb der Familie gerade fast auf null heruntergefahren sind.

Angenommen, klassischer Sportunterricht ist wieder möglich: Lassen sich die entstandenen Bewegungsdefizite und Ungleichheiten dann überhaupt noch aufholen?

Ein Rückstand kann natürlich wieder aufgeholt werden, wenn man das möchte. Die Frage ist eher, ob dieses Jahr, das Kinder jetzt so erlebt haben, ihren späteren Lebensstil prägt, weil sie gelernt haben, dass Inaktivität okay ist. Da erlaube ich mir jetzt keine langfristigen Prognosen. Die Gefahr ist, dass wir die sozial Schwachen verlieren. Ich vermute, dass viele Kinder, die vorher im Sportverein waren, auch danach wieder hingehen werden, weil Bewegungsmotive von Kindern einfach sehr stark sind. Aber was ist mit denen, die vorher schon schwer erreichbar waren, die dann mit Bewegung gar nichts mehr anfangen können?


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Radwege können helfen

Sehen sie neben Schule und Eltern sonst noch jemanden gefordert?

Ich denke da an das Umfeld von uns Menschen, also wie die Verhältnisse um uns herum sind, die Bewegung möglich machen. Da würde ich die Kommunen mit in die Pflicht nehmen: Parks und Grünflächen, Spielgeräte für Kinder, Trainingsgeräte für Jugendliche oder junge Erwachsene, aber auch sichere Rad- und Fußwege. Weil wenn ich als Eltern weiß, dass der Radweg sicher ist, dann lasse ich mein Kind auch Radfahren. Wenn Kinder das lernen, dann sind sie auch gewillt, das später selbstständig weiterzuführen. Da sind Kommunen gefragt, die Infrastruktur bewegungsfreundlich zu gestalten, fahrradfreundlich, gehfreundlich. Das ist etwas ganz Wichtiges.

Als Corona gerade zur Pandemie erklärt worden war, haben Sie in einem Interview von einer „Adipositas-Pandemie“ gesprochen. Lässt sich Fettleibigkeit wirklich mit einem Virus vergleichen?

Eine Infektionskrankheit mit einer Zivilisationskrankheit zu vergleichen, hinkt natürlich. Trotzdem ist es so, dass Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht oder Diabetes für eine sehr hohe Rate an Todesfällen verantwortlich sind. Das geht oft unter, weil man als Mensch das Gefühl hat: „Naja, ich kann ja auch wieder aktiv werden oder mich anders ernähren, und dann könnte ich den negativen Einfluss von Inaktivität vielleicht wieder ausgleichen. Es ist also nicht so bedrohlich.“ Während das bei Covid natürlich so nicht funktioniert, weil die Ursache ein Erreger ist. So einen Vergleich würde ich mir auch gar nicht anmaßen wollen. Das Problem ist nur, dass wir aufpassen müssen, dass durch diesen Fokus auf Corona – und die aktuellen Maßnahmen sind wirklich richtig und wichtig – anderes nicht außer Acht gelassen wird. Das Robert-Koch-Institut hat ausgerechnet, dass im Durchschnitt die Deutschen ein Kilo schwerer geworden sind während der Corona-Pandemie. Und auch da zeigt sich wieder eine Schere: Das trifft nicht alle, sondern es trifft die sozial Schwachen mehr als andere.

Max Söllner Volontär in der Sport-Redaktion E-Mail

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