Opernhaussanierung

Unverzichtbar oder Millionengrab? Jetzt äußert sich die Subkultur zur großen Opernhaus-Diskussion

23.11.2021, 15:29 Uhr
Ist die Flagge entrollt, liegt alle Vernunft in der Trompete: Das Nürnberger Opernhaus steht kurz vor der Renovierung. Die Frage ist: Wie geht man's an?

Ist die Flagge entrollt, liegt alle Vernunft in der Trompete: Das Nürnberger Opernhaus steht kurz vor der Renovierung. Die Frage ist: Wie geht man's an? © Eduard Weigert

Peter Harasim (Concertbüro Franken GmbH)

Peter Harasim ist nicht nur Konzertveranstalter und einer der Leiter des Concertbüros Franken (u. a. Hirsch, Gutmann am Dutzendteich), sondern auch Sänger der Rockband Ramrods.

Peter Harasim ist nicht nur Konzertveranstalter und einer der Leiter des Concertbüros Franken (u. a. Hirsch, Gutmann am Dutzendteich), sondern auch Sänger der Rockband Ramrods. © Harald Sippel

Normalerweise bin ich kein Neidhammel, wenn es um andere Kultur-Einrichtungen geht, aber bei solchen Beträgen wird es mir schon sehr schwummrig. Die Kluft zwischen Hoch- und Breitenkultur sowie zwischen subventionierter Stadt-Kultur und freier Kultur ist und bleibt wohl in Nürnberg besonders groß und unüberbrückbar.

In der Pandemie haben sich Unterschiede zu anderen Kultur-Städten wieder ganz besonders herausgeschält. Opernhäuser werden zumindest solange subventioniert, bis das Ensemble auf der Bühne größer ist als die Zuschauermenge. Aber so in 50 Jahren könnten Beatles- und Abba-Musicals ja das Programm im Opernhaus etwas zeitgemäßer ausweiten.

Franz Killer (Pocket Opera Company)

Franz Killer, Leiter des freien Musiktheaters Pocket Opera Company (POC).

Franz Killer, Leiter des freien Musiktheaters Pocket Opera Company (POC). © Roland Fengler

Ein vielfältiges Kulturangebot sollte für eine aufgeschlossene Gesellschaft zu den Grundbedürfnissen zählen und somit als systemrelevant erachtet werden, was offensichtlich immer noch von manchen Menschen in Zweifel gezogen wird. Nunmehr bei einer notwendigen Opernhaussanierung nur auf die damit verbundenen Kosten zu schielen, teilweise verbunden sogar mit der generellen Hinterfragung der Notwendigkeit einer gewachsenen Kulturinstitution, birgt die Gefahr, die geistige Verwahrlosung und somit die notwendige Fortentwicklung einer Gesellschaft leichtfertig in Kauf zu nehmen.

Insbesondere die Vielfältigkeit der Kulturangebote, und dazu zählt allemal auch die Oper in einer Stadt wie Nürnberg, ist Träger für eine attraktive und zukunftsgewandte Region. Nachdem mittlerweile der Neubau der Nürnberger Konzerthalle auf Grund von Corona auf Eis gelegt wurde, zerredet man nunmehr mit Standortdiskussionen die notwendige Sanierung eines der schönsten Gebäude in Nürnberg.

Warum greift man nicht den Vorschlag der Architekten der neuen Konzerthalle auf, diese als Interims-Spielstätte für die Oper zu bauen, um dann endlich in einigen Jahren als Kommune der stolze Besitzer eines adäquaten Konzertsaales zu sein? Warum überlässt man nicht diesen größenwahnsinnigen Nazibau mit Namen Kongresshalle der freien Kulturszene und der Jugend, die mit Sicherheit mit diesem Bauwerk mehr anzufangen weiß als dass manchem rechten Herz bei Wagners Götterdämmerung ein wohliger Schauer in diesen toten Mauern widerfährt?

Es bringt auch nichts, Vergleiche mit anderen Städten zu ziehen oder die Altersstrukturen von Besuchern aufzurechnen, sondern vielmehr Verantwortung für eine blühende Region wie es Franken ist zu übernehmen und Leuchtturmprojekte auch im 21. Jahrhundert umzusetzen. Kultur ist für alle da, ist für alle notwendig!

Wer käme auf die Idee, die permanente Autobahnsanierung und Erweiterung zwischen München und Nürnberg auf Grund der Kosten immer wieder zu hinterfragen oder davon abhängig zu machen, wer diese am meisten benutzt ... oder die Eisenbahnschnelltrasse zwischen Berlin und Nürnberg zu schließen? Dies wird begründet mit der Notwendigkeit der Mobilität und für den Fortschritt. Wir müssen jedoch nicht nur physisch mobil bleiben und uns fortentwickeln, sondern insbesondere geistig und im Hinblick auf unsere Kreativität, getragen durch ein buntes und vielschichtiges Kulturangebot. Über die Notwendigkeit eines Opernhauses für eine Stadt wie Nürnberg überhaupt nachzudenken, ist wie über die Notwendigkeit des Kopfes für einen Körper zu sinnieren.

Julia Kempken (Theater Rote Bühne Nürnberg)

Julia Kempken, Theaterleiterin der Nürnberger Kleinkunstbühne

Julia Kempken, Theaterleiterin der Nürnberger Kleinkunstbühne "Rote Bühne". © Peter Romir

Schulplatzmiete Rosenkavalier: bin ziemlich schnell eingeschlafen, immerhin händchenhaltend an der Seite meines Freundes. Zweiter Versuch: Fliegender Holländer in Bregenz. Beeindruckendes Bühnenbild und Darstellergewusel auf der riesigen Seebühne, ansonsten eine Tortur für mich. Es lässt sich erkennen: ich persönlich kann mich nicht für Opern begeistern.

Aber diese meist wundervollen Häuser mit ihren technischen Möglichkeiten, Kostümabteilungen, Orchestern und Künstlern aus aller Welt bieten so viel mehr: Tanz, Konzerte, Musicals, die Magie des Zuschauerraumes mit seinen vielen Rängen, den murmelnden Zuschauern vor Beginn, der funkelnde Kronleuchter, wenn er langsam gedimmt wird und sich der große, samtene Vorhang öffnet, um eine überraschende Welt dahinter zu zeigen und mich die Akteurinnen und Akteure in den Bann einer Geschichte ziehen.

Das bleibt immer zeitgemäß und gerade unser markantes Nürnberger Opernhaus muss für die nächsten Generationen erhalten bleiben. Das sagt eine Künstlerin aus der freien Szene, die „nur“ ein kleines Off Theater betreibt.

Thomas Herr (Theater Rootslöffel)

Thomas Herr, Schauspieler und einer der Chefs vom Theater Rootslöffel in Nürnberg-Gostenhof, hier mit seinem Kollegen Frizz Lechner (links).

Thomas Herr, Schauspieler und einer der Chefs vom Theater Rootslöffel in Nürnberg-Gostenhof, hier mit seinem Kollegen Frizz Lechner (links). © Theater Rootslöffel

Natürlich ist Subvention, Förderung und Erhaltung von Kultureinrichtungen ein rechtes, probates, wichtiges Lebensmittel. Nur scheint uns, gerade auf dem Hintergrund der laufenden Pandemie, aber eigentlich schon immer, nur jetzt kondensiert, dass das rechte Augenmaß verloren gegangen ist oder wahrscheinlich noch nie da war.

Mit einem kurzem Lichtblick Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger Jahre, als es einen vehementen Aufbruch in die sogenannte Freie Kultur gab (Nürnbergs Kindertheater und Stadtteilläden sind ein bis heute lebendiges Zeichen dafür), war der Blick der entscheidenden Institutionen in Politik und Verwaltung immer bürgerlich geprägt. Und hat sich dem sogenannten Zeitgeist immer verspätet, dann aber vereinnahmend geöffnet. Denn die Kulturinstitutionen manifestieren sich vornehmlich in ihrer angestammten Architektur, und wenn modern, dann wenigstens feudal. So hat die Form gerne mal den Inhalt überlagert. Nicht nur Christoph Schlingensief musste dies schmerzhaft erkennen.

Und so ist es auch schlüssig, dass der Ansatz in der Förderung und Unterstützung der Kultur in der Pandemie sich nach dem Gießkannenprinzip von oben zuerst auf die ergossen hat, die die größten Türme haben und damit in der allgemeinen Akzeptanz auch erhalten werden müssen. Diese Wahrnehmung ist falsch und geht krass an der Realität, der Platzierung und des Stellenwerts an Kultur als Lebensmittel vorbei. An dieser Stelle könnte jetzt auch ein leidenschaftliches Plädoyer für all die freien Künstlerinnen und Künstler kommen, die Tag für Tag in Schulen, Bildungseinrichtungen, in Tanzschulen, Volkshochschulen, Freien Theatern, in Kliniken, Betrieben, auf Ferienfreizeiten, in Wirtshäusern, Sportplätzen, Wäldern und Feldern… arbeiten! Ohne Unterlass, ohne Tarifvertrag, ohne Lobby, meist ohne eigene Räume, ohne Altersvorsorge, ohne Mindestlohn etc. Aber darum geht es nur am Rande.

Eigentlich geht es, wie eingangs erwähnt, um das Augenmaß. Das rechte. Die Argumentation, dass das Eine mit dem anderen nichts zu tun hat, hinkt. Denn Mittel, die jetzt für so ein langfristiges Projekt gebunden werden, fehlen dann eben doch. Warum? Nun, man braucht kein besonders spitzfindiger Zeitgenosse zu sein, um jetzt schon zu erahnen, dass die horrenden Summen, die die Maßnahmen zum Umgang mit der Pandemie verschlungen haben, irgendwo refinanziert werden müssen. Und Kulturleistungen sind freiwillige Leistungen, deshalb ist damit zu rechnen, dass nach den Einbußen in der Pandemie die Kultur danach ein zweites Mal zur Kasse gebeten wird. Ausgenommen davon sind mit Sicherheit festgelegte Mittel, vor allem innerhalb einer Mischfinanzierung, an der jeder Vertragspartner (Denkmalschutz, Bauamt, Fördertöpfe etc.) ein berechtigtes Interesse hat, den Kontrakt von jedem erfüllt zu wissen.

Was bleibt? Oper ist eine wunderbare Kunstform. Darum geht es aber gar nicht. Das Opernhaus ist ein grandioses Stück Architektur und Geschichte. Auch darum geht es nicht. Es geht um einen humanistischen Kulturbegriff, der sich nicht um den Schein schert, aber das Sein erleuchtet, erhebt, bildet, wahrnimmt, fördert und damit Menschen bereit macht, in einer Welt zu überleben, die in so vielen Bereichen so drängend am Rande steht, existentiell bedroht ist. Sie befähigt mehr als zu überleben, sondern Leben zu gestalten - für sich selber und damit zum Wohl des Ganzen.

Das kann Kultur leisten. Und braucht dazu vielleicht auch ein renoviertes Opernhaus. Aber nur am Rande. Wichtig ist es nicht.

Günther Rieß (Jazz Studio Nürnberg)

Günther Rieß, Vorstand vom Jazz Studio Nürnberg am Paniersplatz unterhalb der Burg.

Günther Rieß, Vorstand vom Jazz Studio Nürnberg am Paniersplatz unterhalb der Burg. © Michael Matejka

Drei Dinge sind klar:

  • Erstens: Nürnberg braucht eine Oper.
  • Zweitens: Nürnberg braucht das Opernhaus.
  • Drittens: Nürnberg braucht Kultur.

Kultur ist unteilbar, aber sie kostet! Aber: Ist es vernünftig, 500 Millionen Euro in den Erhalt des alten Gebäudes und seine ursprüngliche Funktion zu investieren? Recht intransparent erscheint da die Entscheidung der Opernhauskommission des Rathauses, das alte Haus in alter Funktion am selben Platz zu sanieren - koste es was es wolle. Die vielen Ehrenamtlichen und andere Kulturschaffende und -ermöglicher fragen sich, ob es vernünftig ist, solch eine immense Summe in eine einzige Sparte der Nürnberger Kulturlandschaft zu stecken.

Was bedeutet das für die vielen freien, kleinen Kultureinrichtungen Nürnbergs, die momentan nur aufgrund einer zum Teil recht großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Stadt Nürnberg existieren können? Eine Neiddebatte ist es angesichts höchst unterschiedlicher Fördersummen nicht. Es ist auch keine Kontroverse Alt gegen Jung. Der Altersdurchschnitt des Publikums im Jazz Studio entspricht in etwa dem der Opernhausbesucher. Schaut man allerdings auf die Ticketpreise und die städtischen Subventionen pro Ticket, tritt eine sehr klare Diskrepanz zu Tage.

Eine Neiddebatte: Nein! Eine existentielle Frage für die kleinen freien Kultureinrichtungen der Stadt? Hoffentlich nicht!

Kunstverein Hintere Cramergasse e. V.

Der Kunstverein Hintere Cramergasse e.V. (aktuell im Z-Bau beheimatet) bietet seit 1976 Platz für Konzerte, Discos, Veranstaltungen und Ideen, die woanders vielleicht keinen Raum finden - und ist eine der ältesten Subkultur-Spielstätten der Stadt.

Der Kunstverein Hintere Cramergasse e.V. (aktuell im Z-Bau beheimatet) bietet seit 1976 Platz für Konzerte, Discos, Veranstaltungen und Ideen, die woanders vielleicht keinen Raum finden - und ist eine der ältesten Subkultur-Spielstätten der Stadt. © Dr. Doom

Mir träumte, unglaubliche Geldreserven konnten angebohrt werden. Die Verzweiflung ob der schlechten Haushaltslage - vergessen!

Begrünung der Stadt, Geld für Bürgerprojekte und ökologische Stadtteilinitiativen, Energie- und Mobilitätswende, ein Mietobjekt für das Projekt 31, Ersatzräume für die verlorenen Ateliers und Werkstätten auf AEG und Quelle, Proberäume im Überfluss und dazu noch ein saniertes Opernhaus. Fantastisch! Klingeling, aufgewacht, der Traum entfleucht. Worum ging's nochmal? Irgendwas mit 500 Millionen ...

Das Nürnberger Opernhaus muss saniert werden, daran führt kein Weg mehr vorbei. Nach aktuellen Schätzungen (Stand: November 2021) wird das runde 500 Millionen Euro kosten.

Das Nürnberger Opernhaus muss saniert werden, daran führt kein Weg mehr vorbei. Nach aktuellen Schätzungen (Stand: November 2021) wird das runde 500 Millionen Euro kosten. © Maria Inoue-Krätzler

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