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Heroldsbach: Mirco trifft seinen Stammzellenspender

Wenn aus einer Nummer ein Gesicht wird - Gemeinsam zum Johannisfeuer - 19.06.2018 07:18 Uhr

Sie haben sich noch nie vorher gesehen und sind doch genetische Zwillinge: Mit einem selbstgemalten Plakat hat Mirco Patrick aus Bremen begrüßt. Mircos lockige Haare sind einer raspelkurzen Sommerfrisur gewichen. © Peter Roggenthin


 Nur eine einzige ellenlange Nummer ist es, die auf dem durchsichtigen Infusionsbeutel mit dem Spenderblut steht. Eine Nummer, die Mirco Reck stundenlang anschaut, als das Blut des fremden Spenders in seine Venen tropft. Es ist das Blut mit den Stammzellen, das Mircos Leben retten wird.

Drei Jahre ist das her, dass Mircos Familie zusammen mit der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) zu einer im Landkreis Forchheim noch nie vorher dagewesenen Typisierungsaktion in die Heroldsbacher Hirtenbachhalle aufruft. Mehr als 3000 Menschen aus Stadt und Landkreis Forchheim kommen damals, wollen helfen und lassen sich testen. Mirco ist an Leukämie erkrankt und nur eine Stammzellenspende kann das Leben des damals 13-jährigen Jungen retten.

Chance 1:20.000

Doch die Chancen sind verschwindend gering, es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. 1:20.000 stehen die Chancen, den genetischen Zwilling für Mirco zu finden. Mircos Motto damals: Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Und Mirco und seine Familie haben dem Lymphknotenkrebs den bedingungslosen Kampf angesagt: Zwar wird in der Heroldsbacher Aktion kein Spender gefunden, dafür aber wenige Wochen später in Norddeutschland. Ein Spender, dessen Blut in einer Infusion langsam den Krebs ausknocken soll. Die Transplantation, so erzählt er viele Monate später, sei "der blanke Horror" gewesen. "Dein Körper wird ausgetestet, wo seine Grenzen sind."

Drei Jahre hat Mirco seitdem gekämpft, hat sich das Wort "Fighter" tätowieren lassen, ist von der Hauptschule in die Forchheimer Realschule gewechselt, macht den Moped-Führerschein. Und immer hat er im Hinterkopf die Frage: Wer ist der Typ, der sich hinter der ellenlangen Nummer verbirgt?

 

"Fighter" hat sich Mirco in den Nacken tätowieren lassen. Das deutsche Wort "Kämpfer" sei einfach zu uncool gewesen, hat er erzählt. © Ralf Rödel


Zwei Jahre, so erzählt Mirco, musste er warten, bis er die DKMS anschreiben konnte, so sind die Bedingungen. „Denn ich wollte von Anfang an meinen Spender kennen lernen.“

So gut wie Mircos Eltern die Suche ihres Sohnes nachvollziehen können, schleicht sich doch auch ein wenig Sorge ein: Denn was passiert, wenn der Spender keinen Kontakt zu Mirco will? Was ist, wenn der Spender einfach anonym bleiben möchte? "Schließlich will man sich ja nicht mit aller Gewalt aufdrängen", sagt Stephan Reck, Mircos Vater. Wie groß wird die psychische Belastung für den Sohn sein, wenn der Spender ihm ein "Nein" entgegenwirft? Das Einzige was die Familie erfährt ist, dass der Spender männlich ist und zum Zeitpunkt der Spende 26 Jahre alt. Und dass die Spende in Hamburg-Eppendorf entnommen wurde.

Doch der Unbekannte sagt "Ja" und gibt seinen Namen und seine Handy-Nummer preis, ebenso wie Mirco. Wieder sind es Mircos Eltern, die ihren Sohn in seiner Euphorie ein wenig bremsen wollen. Heike Reck, Mircos Mutter rät, doch erstmal eine hübsche Postkarte zu schreiben und sich bei Mircos Lebensretter schriftlich mit ein paar Zeilen zu bedanken. Doch Postkarten findet Mirco "total uncool", er regelt das auf seine ganz eigene Weise, schreibt seinen Retter per WhatsApp an, chattet mit ihm, macht ein Treffen mit ihm aus.

Berichte über Mirco gelesen 

Und die ellenlangen Nummer bekommt plötzlich ein Gesicht: Das von Patrick, der kurzerhand zusammen mit seiner Partnerin übers Wochenende zu Mirco und dessen Eltern zu Besuch nach Heroldsbach kommt.

Aus Bremen ist der 28-Jährige angereist, um seinen Zwilling kennen zu lernen. Anfangs sei er noch ganz gelassen gewesen, doch mit jedem Kilometer, die er sich seinem Ziel Heroldsbach mehr näherte, sei auch die Aufregung gewachsen. "Ich war innerlich hin und hergerissen", muss er sich zwischen Kaffee und Hörnchen am Frühstückstisch eingestehen. Im Vorfeld habe er ein wenig im Internet über Mirco recherchiert, habe die Berichte der Nordbayerischen Nachrichten über Mirco gelesen und ein Video der Typisierungsaktion im Internet angesehen.

Doch spätestens als er nach Heroldsbach einbog und die großen handgemalten Transparente sah, auf denen Mirco ihn mit einem "Servusla" unübersehbar begrüßte, da war von Nervosität keine Spur mehr, da wollte er nur noch Mirco kennen lernen.

Erst ein halbes Jahr vor Mircos DKMS-Aufruf habe er sich registrieren lassen. "Vielleicht wirste ja gar nicht angenommen", habe er sich damals gedacht. Doch dann kam der Brief, dass er als Spender in Frage komme. Zweifel habe er zu keiner Sekunde gehabt, sagt Patrick. Gedanken daran, einen Rückzieher zu machen? Niemals. Und dennoch muss er zugeben: "Es ist schon komisch, wenn die Situation dann plötzlich eintritt."

Wie starker Muskelkater

Die Stammzellen wurden unter Vollnarkose in einer Operation im Hamburg-Eppendorf aus dem Beckenknochen entnommen. "Weisheitszähne ziehen ist viel schlimmer", sagt er im Rückblick, "die Schmerzen nach der OP haben sich angefühlt wie ein starker Muskelkater".

Mit einem Sondertransport wurde die Spende damals von Hamburg-Eppendorf ins Erlanger Uniklinikum zu Mirco gebracht. "Als ich aus der Narkose aufwachte, da war die Spende schon bei dir", sagt Patrick mit einem Blick zu Mirco. "Hoffentlich hilft’s ihm", sei damals sein alles beherrschender Gedanke gewesen. "Das einzige was ich wusste war, dass der Empfänger 14 Jahre alt und männlich ist. Doch die Gedanken an den 14-jährigen "Unbekannten" lassen auch Patrick nicht los. "Wie geht es ihm?" diese Frage treibt ihn um. Regelmäßig wird er über die DKMS per Brief über "Gesundheitszustand des Empfängers" informiert.

Immer an Patricks Seite ist seine Partnerin Maren, die als Begleitperson in der Klinik mit dabei war und auch jetzt in Heroldsbach dabei ist. Auf den Kellern am Kreuzberg waren sie schon zur Brotzeit mit der ganzen Familie Reck, mit Mircos Schwestern, Nichten und Neffen.

Als Übernachtungsgäste sind die beiden, zusammen mit Mirco, in Schloss Thurn untergebracht. Denn als Gräfin Michaela von Bentzel hörte, dass alle Feriendomizile rund um Heroldsbach belegt sind, bot sie sofort zwei Zimmer für die Gäste im Schloss an. Zum Frühstücken trifft man sich dann in Mircos Elternhaus. Und wenn dann alle um den Frühstückstisch zwischen marinierten Erdbeeren, Joghurt, Hörnchen, Wurstbrötchen und Kaffee sitzen sieht und gemeinsam lachen hört, ist es fast so, als würde man sich schon immer kennen.

Zur Sonnwendfeier wollen die drei noch gehen und sich bestimmt, spätestens zur Vorweihnachtszeit, wiedersehen. Doch am Nachmittag, da geht es dann erst mal in den Freizeitpark nach Geiselwind: Hinauf auf den 80 Meter hohen Freefalltower, der mit einer Höllengeschwindigkeit nach unten in die Tiefe rauscht, darauf freuen sie sich schon: "Denn mit Nervenkitzel, da kennen wir zwei uns aus." 

Birgit Herrnleben Nordbayerische Nachrichten Forchheim E-Mail

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