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US-Infanteristen haben Nürnberg im Visier

Erbitterter Widerstand verzögert Vormarsch - Plünderungen und Orgien - 17.04.2015 16:10 Uhr

Über Schuttberge rücken US-Infanteristen der 3. Division in die Innenstadt vor. © Stadtarchiv Nürnberg/Signal Corps


Dienstag, der 17. April 1945, war, was das Wetter betrifft, wieder ein ausgesprochen schöner Tag. Die Sonne stand prächtig am Himmel. In amerikanischen Berichten wurde er als der erste Tag des Kampfes um Nürnberg registriert. Er begann in den frühen Morgenstunden mit schwerem Artilleriebeschuss. Die Kanonen der US-Streitkräfte, die im Norden, Osten und Süden aufgefahren worden waren, visierten Ziele innerhalb des Stadtgebietes an. Überall detonierten Granaten. Langsam rückten die Regimenter der 3. und der 45. Infanterie-Division ins Zentrum vor.

"Die Almoshofer Hauptstraße und die Marienbergstraße beherrscht das Bild eines aufgelösten militärischen Rückzugs", beschreibt der Chronist Fritz Nadler seine Eindrücke. "Von Buch bis zur Endstation der Linie 21 ist die Straße mit Kriegsgerät übersät. Stahlhelme, Lederzeug, Uniformstücke, Patronen, Spaten, Gewehre mit und ohne Schloss (...). Heute sind die Dörfer rund um den Flugplatz fast menschenleer. Die Bauern trauen dem Frieden nicht und befürchten noch Luftangriffe. Angesichts dieser Möglichkeit haben es viele vorgezogen, sich mit Weib und Kind, Kühen und Ochsen ins sichere Hinterland zu flüchten." Sie seien in "Kraftshof und in Neunhof, in Dormitz und der ganzen Hetzlasgegend" bei Verwandten und Bekannten untergeschlüpft.

Sprengfallen stoppten den Vormarsch der Amerikaner

Vom eroberten Heroldsberg aus marschierten Einheiten der 3. US-Division nach Buchenbühl und Ziegelstein. Der Angriffsplan sah vor, dass drei Regimenter über die Bucher Straße und Johannisstraße, über Bayreuther und Sulzbacher Straße in die Innenstadt vorstoßen sollten. Doch schon auf dem Weg zwischen Heroldsberg und Nürnberg mussten die Amerikaner stoppen. Ein Jeep und ein Transportfahrzeug flogen in die Luft. Sie waren auf Minen gefahren. Erst nachdem Pioniere 73 dieser heimtückischen Sprengfallen entschärft hatten, konnte der Vormarsch fortgesetzt werden.

Am Spätnachmittag erreichte eine Kompanie den Nordostbahnhof. Dort ging es nicht weiter. Erstens war die Unterführung hier durch Sprengung unpassierbar, und zweitens schlug ihnen aus den Ruinen südlich der Bahnlinie heftiges MG-Feuer entgegen. Zwei Panzer gingen in Flammen auf.

Auch die GIs der im Süden und Osten angreifenden 45. Infanteriedivision trafen auf erbitterten Widerstand. Die anrückenden Truppen kamen in Erlenstegen und am Platnersberg, in Laufamholz sowie Mögeldorf nur mühsam voran, sie mussten sogar Luftunterstützung gegen eine deutsche Flakstellung in der Sandgrube am Ebensee anfordern.

Amerikanische Soldaten feuern mit einem Granatwerfer auf Stellungen der deutschen Verteidiger. © Stadtarchiv Nürnberg/Signal Corps


Während das Reichsparteitagsgelände, die Gartenstadt und die Siedlung am Rangierbahnhof kampflos eingenommen wurden, waren die Amerikaner gezwungen, an der Bayernstraße in Deckung zu gehen. Vom Kongresshallen-Torso bis zur SS-Kaserne hatte eine zusammengewürfelte Mannschaft aus Waffen-SS-Angehörigen, dem Volkssturm, zurückgezogenen Flak-Einheiten und versprengten Wehrmachtssoldaten eine Verteidigungslinie aufgebaut.

Die US-Truppen zogen sich aber nicht, wie sonst üblich, in gesicherte Gebiete zurück. Sie verbrachten die Nacht in Stellung, um die Attacke am nächsten Morgen fortzuführen. Kommandeur John W. O'Daniel konnte zufrieden sein. Er hatte an diesem Tag mit vier Toten und 79 Verwundeten einen relativ geringen Blutzoll entrichtet, während die 3. Infanterie-Division unter dem Oberbefehl von Robert T. Frederick sieben Tote und 32 Verletzte beklagte.

Zudem hatte eines seiner Regimenter das Waldgebiet um den Schmausenbuck besetzt und das Kriegsgefangenenlager "Stalag XIII D" in Langwasser befreit. Der Jubel der 13.000 dort Internierten, unter ihnen 250 Amerikaner und 450 Briten, war unbeschreiblich. Die deutschen Gefallenen dagegen hat niemand registriert, weil es keine zentrale Erfassung gab. 89 Soldaten sind sicher am 17. April ums Leben gekommen, von 84 weiteren ist der genaue Todestag unbekannt.

Reichsverteidigungskommissar Karl Holz versammelte am Nachmittag seinen Gaustab um sich. Angesichts der hoffnungslosen Lage stellte er allen frei, die Falle Nürnberg zu verlassen und sich in die "Ausweich-Gauhauptstadt" Weißenburg zu flüchten. Ein Großteil der Männer nahm dieses Angebot mehr als nur dankend an und schwang sich auf Fahrräder. Da der Einschließungsring der Amerikaner noch Lücken Richtung Süden aufwies, konnten Ortskundige leicht durchbrechen und entkommen.

"Lieber kämpfend fallen, als Nürnberg zu verlassen"

Am Abend dann gab er an die Münchener Parteizentrale telefonisch zwei ungeschminkte Lageberichte durch. Die Verteidiger würden sich zwar tapfer zu Wehr setzen, fühlten sich aber angesichts der ungeheuren materiellen Überlegenheit des Feindes ohnmächtig. "Es ist anzunehmen, dass der Gegner noch etwa zwei bis drei Tage zu kämpfen hat", sah er richtig voraus. "General Kuschow, der Polizeipräsident, Oberbürgermeister Liebel und ich haben beschlossen, unter allen Umständen in Nürnberg zu bleiben und lieber kämpfend zu fallen, als diese Stadt zu verlassen."

An diesem 17. April brach in der Noris auch noch der letzte Rest bürgerlicher Ordnung zusammen. "Die Weinkeller des Zollhauses sind heute geplündert worden", notierte der später am Wiederaufbau maßgeblich beteiligte Architekt Friedrich Seegy in seinem Tagebuch. Und er fährt fort: "Es wird berichtet, dass der Wein fußhoch in den Räumen stand. Mit Fässern, Kübeln, Wannen und Eimern holten sich Tausende die besten Tropfen und feierten groteske Orgien der Trunkenheit. (...)

Später schlagen Granaten in den Trubel und machen der schändlichen Feier ein blutiges Ende. Burgunder und Blut vermengen sich im Rinnstein. Auf den Güterbahnhöfen erbricht das Volk Wagen mit Lebensmitteln. (...) Aus den Bekleidungsdepots schleppt die Menge Leder, Stiefel, Stoffe und Anzüge. Es ist alles da, was jahrelang verschwunden schien. Es ist alles zu haben, ohne Bezugsschein, ohne Geld. Nur muss man blutige Köpfe und eingedrückte Rippen riskieren. Einzelne, vom Rausch des Plünderns ergriffen, beginnen, sich an privates Eigentum heranzumachen und versuchen gewaltsam in Läden einzudringen." Kein Polizist gebietet Einhalt.

Am Abend erschien plötzlich ein Wehrmachtsgeneral, der seinen Gefechtsstand im Faberschloss hatte, bei Nürnbergs Kampfkommandant Richard Wolf im Burgstollen. Unter dem Siegel größter Verschwiegenheit teilte er ihm mit, dass die Armee die Absicht habe, Nürnberg aufzugeben. Die Verteidiger sollten über Stein ausbrechen und anschließend in die südlich und südwestlich Nürnbergs kämpfenden deutschen Truppen eingegliedert werden.

"Die Stadt ist weiter bis zum Letzten zu verteidigen"

Wolf erhielt Order, seine verstreuten Einheiten zu benachrichtigen und alles vorzubereiten, sollte aber unbedingt den Ausbruchsbefehl abwarten. Treffe er bis zum 18. April um 23.30 Uhr nicht ein, sei der Abzug hinfällig. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Signal kam nicht. "Kurz nach Mitternacht (19. April, Anm. des Autors) sprach mich Feldmarschall Kesselring am Telefon, um mir den Befehl des Führers zu übermitteln, dass Nürnberg nicht geräumt werden dürfe", erinnerte sich Wolf nach Kriegsende. "Die Stadt sei weiter bis zum Letzten zu verteidigen."

Wie absurd das Ganze war, spiegelte sich in einer Episode dieses Tages, die Fritz Nadler überlieferte. "Gegen 11 Uhr rasselten (in Schnepfenreuth, Anm. des Autors) US-Panzer daher. Respektvoll machten sie vor der Panzersperre 'Halt'. Die Soldaten krochen aus dem Ungetüm und stimmten eine Lachsalve an. Dann fuhren sie über die Sperre hinweg, hielten wieder an und sagten zu den angesammelten Bauern: 'So stellt sich der kleine Mann in Deutschland den Krieg vor. Wir haben jetzt 59 Sekunden gelacht und eine Sekunde Krieg gemacht. Aus ist es ...!'". 

Martin Held

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