Gewerkschaft appelliert an Politik

Streit um neues ICE-Werk in Franken: "Jeder versucht Einzelinteressen zu wahren"

27.7.2021, 18:09 Uhr
Ein Blick in das Nürnberger ICE-Ausbesserungswerk. Um den Erhalt wurde jahrelang mit großer Anteilnahme von Politik und Bevölkerung gekämpft. Mehr Einigkeit wünscht sich die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft nun auch bei der Diskussion um ein neues ICE-Werk im Großraum Nürnberg.

Ein Blick in das Nürnberger ICE-Ausbesserungswerk. Um den Erhalt wurde jahrelang mit großer Anteilnahme von Politik und Bevölkerung gekämpft. Mehr Einigkeit wünscht sich die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft nun auch bei der Diskussion um ein neues ICE-Werk im Großraum Nürnberg. © Arno Stoffels

Der Spitzname passt eigentlich nicht zu ihr. Denn Petra Wedel wirkt mit ihren weichen Gesichtszügen nicht wie eine "eiserne Lady" und von dem Umstand, der ihr den Titel vor 20 Jahren eingebracht hat, erzählt sie nicht ernst, sondern mit Fröhlichkeit in der Stimme. Doch damals, als 32-Jährige Betriebsrätin des Nürnberger ICE-Ausbesserungswerks, zeigte sie tatsächlich Härte und Ausdauer.

Vom 31. Juli 2001 an kettete sie sich mit ein paar anderen Kollegen an das Werkstor, um gegen die einen Monat zuvor vom Bahnvorstand unter Hartmut Mehdorn verkündete Schließung des Standorts zu protestieren.

Wasser und Brot

Gleichzeitig tritt sie mit ihren Mitstreitern in den Hungerstreik, es gibt fortan nur noch Wasser und Brot für sie. Am Ende ist es Wedel, die am längsten durchhält, ununterbrochen liegt sie 35 Tage in Ketten, tags am Tor, nachts im Zelt.

Zu ihrer "Befreiung" kommt auch der damalige Nürnberger Oberbürgermeister Ludwig Scholz. "Liebe Kolleginnen und Kollegen, mein besonderer Dank gilt Petra Wedel, die sofort gehandelt hat, als es schlecht ums Werk stand", sagt er damals und schlägt für den Standort den Namen "Petra-Wedel-Werk" vor.

Beeindruckende Aktion

Es war die beeindruckendste von vielen Aktionen zur Rettung des Werks. Drei Jahre dauert der Kampf der Belegschaft und der Politiker, dann ist es geschafft.

Am 19. März 2004 verkündet der damalige Bahnchef Mehdorn bei einem kurzfristig anberaumten Termin im Nürnberger Hauptbahnhof zusammen mit dem bayerischen Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU), dass das Werk erhalten, renoviert, neu strukturiert und mit einer Frischekur für die ICE-1-Flotte bis zunächst 2007 ausgelastet wird. Auch alle anderen ICE-Generationen werden hier später auf Vordermann gebracht.

"Der Zusammenhalt zwischen Bevölkerung und den Mitarbeitern im Werk war gewaltig. Ich weiß nicht, ob wir ohne diese Unterstützung soweit gekommen wären", sagt sie. 320 Mitarbeiter sind damals noch übrig.

Über 700 Beschäftigte

Heute gibt es hier insgesamt wieder 765 Beschäftigte, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) schätzt, dass das Werk, die Zulieferer mit einberechnet, 1000 Menschen den Lebensunterhalt sichert.

Eine Zahl, die von der EVG auch für das neue ICE-Werk angesetzt wird, das bis 2028 für 400 Millionen Euro im Großraum Nürnberg entstehen soll.

Doch gegen das Projekt regt sich an allen neun möglichen Standorten, die von der DB gerade geprüft werden, erbitterter Widerstand.

Für die Rettung des ICE-Instandhaltungswerks habe es vor 20 Jahren neben der Unterstützung der Bevölkerung auch einen "breiten Zusammenhalt über alle Parteigrenzen hinweg" gegeben, sagt Matthias Brinkmann.

Kritik an Einzelinteressen

"Jetzt erleben wir das Gegenteil, jeder versucht Einzelinteressen zu wahren und will das neue Werk nicht vor seiner Haustüre haben", so der Leiter der Nürnberger EVG-Geschäftsstelle. "Dass es so umweltverträglich wie möglich sein muss, ist klar. Aber die Chance darf in der Region und in Bayern nicht vergeben werden", so Brinkmann.

Das Werk, in dem täglich 25 der neuen ICE-4-Züge gereinigt und gewartet werden sollen, mache nur in der Nähe zu einem großen Bahnknoten wie Nürnberg Sinn und nicht fernab mit langen An- und Abfahrtswegen zu den Hauptstrecken.

"Es bleibt nur der Appell an Politik und Bevölkerung, sich zusammenzufinden." In eine Standortdiskussion werde sich die Gewerkschaft zu diesem Zeitpunkt bewusst nicht einmischen, so der stellvertretende EVG-Bundesvorsitzende Martin Burkert.

"Wir machen es nicht wie die Politik", so Burkert mit Blick auf den kürzlich erfolgten Nürnberger Stadtratsbeschluss gegen den möglichen Standort bei Altenfurt/Fischbach und entsprechende Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) im Vorfeld.

Vier bis fünf Standorte

Erst müssten "alle Fakten auf den Tisch", auch, welche Fläche aus bahnbetrieblicher Sicht überhaupt Sinn machen würden. Burkert rechnet damit, dass die Bahn im Herbst mit "vier bis fünf" der aktuell diskutierten und von der DB zu prüfenden Areale in das Raumordnungsverfahren geht.

Mehr Verkehr auf der Schiene ist nicht ohne die dafür nötige Infrastruktur möglich, so Brinkmann. Die dafür nötigen Eingriffe in die Natur würden aus Sicht der Gewerkschaft von den Vorteilen, zumindest gerechnet auf Jahrzehnte, ausgeglichen.

Wer für den Umweltschutz sei, müsse auch ein neues ICE-Werk befürworten. "Wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns über eine Verkehrswende nicht unterhalten", so Brinkmann.

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